Vaasa – Seinäjoki – Tampere – Helsinki

11. Oktober 2014

Eine große Wegstrecke liegt heute vor mir: die fast 400 km von meinem Schlafplatz an der Raststation in der Pampa über Vaasa und Seinäjoki nach Tampere.

Vaasa ist eine ausgesprochen schöne Stadt, großzügig-feudal, rechtwinkelig angelegt und ist von früher her und heute immer noch eine schwedische Enklave in Finnland. Dass hier mehr auf Schwedisch als auf Finnisch angeschrieben ist verwundert also nicht. Es gibt viele alte Backsteinbauten, die Stadt voller Bäume und Alleen, wacht aber bei meinem Besuch gerade erst auf – viele Einwohner sind noch nicht zu sehen. Ich genehmige mir ein schnelles Frühstück im Café Commerce, drehe eine kleine Runde durch das Zentrum zurück zu meinem Parkplatz und mache mich dann wieder auf den Weg.

Wunderschöne Kirche von Alvar Aalto in Seinäjoki, ein Architektur-Juwel. Beachtet die Lampenschirme, solltet ihr sie auch mal besuchen! Gleich neben der Kirche, oder besser gesagt einmal über die Straße, steht das Rathaus von Seinäjoki, ebenfalls von Alvar Aalto designed. Auch hier wieder sehr coole Lampenschirme. Mittagessen in der Tapas-Bar Cafe Olé nicht der Rede wert, aber es gibt gratis Internet! 😉

Nach einer nachmittäglichen Kaffeepause erreiche ich am späten Nachmittag Tampere, drehe eine ganz schnelle Runde durch die Altstadt mit ihren imposanten alten Backstein-Industriebauten (Papierindustrie?) und bin abends am Stadtrand bei Anna und Markus eingeladen. Ich hab die beiden auf der Hochzeit von Enisa und Serkan in Istanbul kennengelernt und vor meiner Reise den Kontakt aufgefrischt. Die beiden haben mich sehr herzlich empfangen und wir haben gemeinsam mit ihren Kindern zu Abend gegessen (dreigängig! 🙂 und noch ein wenig mit den kleinen gespielt. Danke für diesen ausgesprochen netten Aufenthalt bei euch!

Zum Übernachten wähle ich auf Anraten von Markus den Pyynikki. Auf dem Hausberg von Tampere ist es relativ ruhig und man hat es auch nicht weit zu Fuß in das Zentrum. Ich drehe eine Runde durch das Nachtleben und merke im Vorbeigehen, dass Mirel Wagner heute in Tampere spielt, also bin ich gleich im Telakka geblieben, einem sehr netten kleinen Livemusik-Club in einem uralten Kontor mit niedrigen alten Holzdecken. An der Bar lerne ich Jesse, seine alte Freundin Lotta und deren neuen Freund kennen, tratsche mit den dreien, genießen gemeinsam das Konzert und ziehen dann noch in einen schrägen Club weiter, in dem ich Finnlands Nationalschnaps, den Salmiakki kosten darf.

12. Oktober 2014

Morgendlicher Spaziergang am Pyynikki und anschließend Kaffee und die angeblich weltbesten Munkki mit Aussicht auf den umgebenden Wald in der 1929 erbauten Cafeteria inkl. Blick über die Stadt vom Aussichtsturm aus. Wie gestern Abend sind auch heute am Sonntagmorgen wieder viele Spaziergänger, Läufer und Nordic Walker hier heroben. Das Café macht erst um 9 auf, dennoch sind schon einige hier um sich ihre Sonntagsration Munkki abzuholen, so wie der alte Opa auf der Terrasse, der schon seit einer halben Stunde dasitzt und auf das Öffnen der Türe wartet. Das herbstlich-feuchte Ambiente schreckt hier keinen ab, aus dem Bett zu kriechen.

Ich fahre weiter in den Stadtteil Kaleva, der für seine „Plattenbauten“ aus den 1950er-Jahren berühmt ist – und für die Kaleva-Kirche, das Wahrzeichen des Viertels, die außen und innen von den finnischen Architekten Reima und Raili Pietilä gestaltet wurde. Die Kirche und der umgebende Park sind sehr, sehr cool. Aus der Ferne sieht das Gebäude gar nicht aus wie eine Kirche. Als ich hingehe läuten die Glocken, bzw. ertönt das sehr rudimentäre Glockenspiel (eher ein monotones Glockenschlagen). Die frontale Rundung in der Architektur der Kirche mit dessen Haupteingang fungiert richtig als Verstärker der Schallwellen vom Glocken-„Turm“, dem auf den monolithischen Block aufgesetzten kleinen Kasten. Drinnen findet gerade eine Messe mit sehr wenigen Leuten statt, inkl. Chor. Die gebäudehohen Fenster sind unglaublich cool, bei fast jedem Fenster steht eine große Pflanze, die Bänke haben einen sehr modernen Schnitt. Der Kirchenraum ist im obersten Geschoß, was den Vorteil hat, dass man während der Messe von draußen nichts wahrnimmt, außen den Bäumen des Parks, denn selbst Spaziergänger sind durch das erhöhte Blickniveau ausgeblendet. Erinnert mich irgendwie an die Villa Tugendhat in Brünn, nur viel größer natürlich.

Autobahn ganz klassisch nach Helsinki. Kurze Kaffeepause vor der Einfahrt in die Stadt. Große Stadt, Metropole, eine riesen Umstellung nach der vielen Landschaft der vergangenen Wochen: viele Straßen, viel Verkehr, alles groß gebaut. Einchecken ins Hostel. Mein Locker geht nicht auf, der Rezeptionist muss also mit dem Generalschlüssel kommen. Drinnen finden sich die persönlichen Sachen des Vornutzers, inkl. georgischem Reisepass. Der kommt wohl nicht weit. Ich räume auf, tausche Land- gegen Stadt-Kleidung, esse eine Kleinigkeit und mache mich mit der Straßenbahn auf in das Zentrum. Extrem viele Leute sind auf den Straßen und in den Cafés und Restaurants unterwegs, nahezu alle Geschäfte haben geöffnet. Von hoher Arbeitslosigkeit, so wie gestern in Tampere von Jesse berichtet, ist hier nichts wahrzunehmen, die Menschen gehen shoppen und konsumieren eifrig. Die Café-Empfehlungen des Rezeptionisten finde ich nicht, also frage ich mich kurzerhand durch und eine junge Dame im Park an der Esplanade empfiehlt mir eine schöne klassische Bäckerei inkl. Kaffeehaus, das Café Esplanade. Angenehm: es gibt WLAN zum Bloggen und es reicht, wenn du für mehrere Stunden nur einen Kaffee trinkst. Extrem „crowdy“, sehr hip, und die Backwaren sind riesig groß!

Etwas später am Abend finde ich ein perfektes Bar-Beisl zum Reisetagebuchschreiben und Sightseeing planen: Café Bar 9 im trendigen Designdistrikt. Mit der traditionellen Naantali (Lachssuppe, schaut aus wie Lohikeitto) zum Abendessen. Ich schreibe mir die Sightseeing-Todo-Liste für Helsinki zusammen und komme drauf, dass ich den tollen Strömlingsmarkt auf dem Marktplatz leider versäumt habe, der war nämlich nur bis gestern.

Oulu – Raahe – Kokkola – Vassorfjärd

10. Oktober 2014

Bei leichtem Regen in der Früh geht es los, sehr nasser Anblick auf den Bottnischen Meeresbusen bei Tageslicht. Fast zwei Stunden später Ankunft in Oulu, dazwischen auch schon Schneeregen, hier jetzt Sturmregen – sehr unwirtlich für eine Stadtbesichtigung, aber Oulu ist wirklich ein sehr schöne Stadt und ich ziehe eine kleine Runde: Marktplatz (Bei dem Wetter nichts los, aber sehr schöne alte Speicherhäuser!), Rathaus, Kirche („Natürlich“ wieder zu!), Fußgängerzone. Die Markthalle am Marktplatz ist wunderschön und hat viele kleine Geschäfte drinnen. Dort wärme ich mich im Moon Café ein wenig auf, bevor ich die Weiterreise antrete. Oulu hat es verdient, nochmals bei schönem Wetter besucht zu werden!

Raahe (Brahestad) ist nach seinem Gründer Per Brahe und wurde 1810 nach einem Brand im Renaissancestil wieder aufgebaut. Davon stehen in der großzügig angelegten Altstadt immer noch sehr viele Holzhäuser (laut Reiseführer eines der ältesten Holzbauten-Viertel in Finnland). Wäre da kein Asphalt, keine Autos und keine Straßenschilder kommst du dir vor wie im vorigen Jahrtausend! Einige der Häuser sind wirklich schon sehr marod beieinander, aber viele auch schön hergerichtet. Auffallend sind die bunten Farben, kein Haus gleicht dem anderen und die Spiegel an den Fenstern, damit die Leute ohne den Kopf aus dem Fenster strecken zu müssen die Straße auf und ab schauen können. Die Hauseingänge sind nicht zur Straße hin sondern in den Innenhöfen. Was ich auch noch nie gesehen habe: die große Granitkirche hat eine „Steigleitung“ (Bitte entschuldigt den unfachmännischen Ausdruck, ich bin kein Feuerwehrmann!) in die Regenrinne aufs Dach – oder von dort herunter!? Keine Ahnung, wofür das gut ist. Neben der vielen Holzhäuser gibt’s angrenzend ans Zentrum aber auch moderne Architektur in Form von Wohnhäusern und Schulen. Bei Sonne und in der Sommersaison ist es hier sicher auch ausgesprochen nett.

Kokkola ist irgendwie eine lustige Stadt. Der Marktplatz ist riesengroß aber leergefegt (Naja, kein Wunder bei der Kälte!), der „Englische Garten“ ist ein ganz normaler Park, der ein wenig größer als ein Grünstreifen zwischen Straße und Fluss geraten ist (Dafür haben sie dort ein altes Ruderboot aus dem Krimkrieg in ein Glashaus gestellt!) und es gibt von zwei Geschäftsarten extrem viel: Grill-/Kebap-/Pizza-Buden und Friseure. Darüber hinaus noch ein paar billige Kaffeehäuser (Das schöne Kunstcafé aus dem Foursquare-Tipp hat leider zu!), viele Statuen, verfallene Häuser, aufgelassene Geschäfte und alte Opas, die den Mist von der Straße aufheben. Bei der Weiterfahrt Richtung Vaasa fahre ich am Bahnhof vorbei und sehe eine dieser großen Gleisbettstopfmaschinen von Plasser & Theurer, für die mein Opa die Einschulungen gemacht hat – das muss ich ihm erzählen, wenn ich wieder in Österreich bin, das wird ihm gefallen! 🙂

Auf den heutigen Streckenabschnitten ist mir aufgefallen, dass jetzt immer mehr Felder und Wiesen im Vergleich zu den Wäldern zu sehen sind, die Bauernhöfe sind nochmals größer geworden und es liegen natürlich noch mehr weiße Silo-Bälle auf den Wiesen herum. Außerdem steht auf jeder Wiese mindestens ein alter verfallener Heustadel herum. In den Tankstellen gibt’s hier laufend Spielautomaten – die vollständig besetzt sind! Und Lotto & Co wird wir anscheinend auch sehr gern gespielt. Die Flüsse sind sehr idyllisch hier, breit wie ein Strom, aber gemächlich wie ein kleiner Bach, mit vielen großen Steinen und sehr weiten Schilfgras-Uferbereichen. Heute ist mir das Navi im Camper zwei Mal mit einem lauten „Dong“ inklusive Windows-Fehlermeldung („Application MobileNavigator.exe encountered a serious error and must shut down.“) abgestürzt und hängen geblieben. Es hat nur ein Neustart was gebracht. Und mindestens ein Mal hat es sich von selbst neu gestartet. Naja, Windows halt… 😉 Aber die Fehlermeldung ist ja auch niedlich: „serious error!“ 🙂

Dann komme ich bei Vassorfjärd auf der E8 am Tesses Grill-Café vorbei, sehe den Parkplatz voller Autos und entscheide mich kurzerhand zum Halt. Kurz gefragt, ob ich für die Nacht am Parkplatz bleiben darf und dann schon das Abendessen bestellt. Es gibt Pizza-Buffet, deshalb ist also der Parkplatz voll und der halbe Ort hier beim Speisen. Für mich gibt’s Grillteller, ich hab mein Essen dann doch lieber frisch auf den Teller… 😉 Die anderen mampfen brav Pizzaviertel nach Pizzaviertel und stehen schon wieder zum Nachschubholen auf, wenn noch nicht mal ganz hinuntergegessen ist!

Hab heute vernommen, dass in Österreich eine Hitzewelle ist. Pah, dass ich nicht lache, ich hab’s auch warm hier: ich schätze es hat jetzt so 8 bis 10 Grad statt 0 bis 2 wie noch in Oulu und Tornio… 😉

Soundtrack: Anna Calvi – Suddenly

Tornio – Haparanda – Vasankarintie

9. Oktober 2014

Heute war es nicht so kalt, es nützt also schon etwas, wenn die Decken ordentlich im Überzug eingelegt sind … 😉 Schade, dass ich heute fahren muss, es beginnt mir soeben hier im Wald zu gefallen.

Frühstück mit Kaffee in Tervola, das Finnisch geht zwar immer besser, aber ich steige dennoch gerne auf Englisch um. Auf der weiteren Fahrt sehe ich das gleiche wie vorgestern, aber dafür jetzt mit unterschiedlichen Baumarten. Es gibt wieder sehr viele lange Geraden, nette Siedlungen, viele Wiesen und Weiden, immer größere Bauernhöfe mit großen Silos und noch mehr Birkenwälder.

Soundtrack: Ezra Vine – Celeste

Wenig später Ankunft in Tornio, das Wasserturm-Café hat (natürlich) geschlossen (es ist ja Nachsaison). Aber der Turm ist sehr cool, schaut fast ein wenig aus wie der UFO-Turm in „Men in Black“. Kurze Rundfahrt im finnischen Tornio und nachdem ich kein ansprechendes Café finde Weiterfahrt über die Grenze nach Haparanda! Ich hätte mir ja nie gedacht, dass ich auf meinem Trip auch noch in Schweden lande! 🙂 Große Einkaufstour im Coop Extra, Haglöfs Factory Outlet Store, ICA Maxi und Fjällräven Outlet beziehungsweise Naturkampaniet. „Fika“ in der Nye Konditoriet und mein Schwedisch ist noch immer nicht eingerostet, das Bestellen und Verständigen klappt hervorragend! 🙂 Ok, das ist aber auch schon alles und noch nicht A1-Niveau… 😉 Dafür genehmige ich mir ein Räkorbaguette und einen Kladdkaka. Simones war aber immer besser.

Tornio und Haparanda sind schon mehr nach meinem Geschmack als die Ortschaften in Lappland. Sie sind im Gegensatz zu weiter nördlich nicht modern und weitläufig angelegt sondern historisch gewachsen, auch mit weniger Abstand zwischen den Häusern. In beiden Städten sind Macho-Autos grad voll in Mode, meistens Mercedes-Benz, aller Baujahre, aufgemotzt mit Alufelgen, tiefergelegt, Soundanlage, verdunkelte Scheiben, meist schwarz lackiert. Auf der Strecke Tornio-Simo sehe ich viele Windräder, die nicht wie bei uns mit rötlicher Signalleuchte ausgestattet sind, sondern mit weißblauer. Es handelt sich nicht um ein Blink- sondern um ein Blitzlicht. Das sieht in der Abenddämmerung schon etwas gespenstisch aus, fast wie eine UFO-Erscheinung. (Schon das zweite Mal heute… 😉

Zuerst schaue ich mir einen Rastplatz neben der Autobahn an, aber dieser gefällt mir gar nicht für die Nachruhe. Also fahre ich bei Simo a und in Richtung eines ausgeschilderten „Museums“. Das Museum finde ich zwar nicht, und die Straße führt immer tiefer hinein in den Wald, aber ich lande bei Vasankarinitie, direkt am Ufer des Bottnischen Meerbusens. Passt, da bleib ich für die Nacht.

Nach meinem Experiment von gestern (alle Funkverbindungen am Handy deaktiviert) muss ich sagen, dass alles in Ordnung ist: Niemand hat mir eine Nachricht geschrieben oder wollte mich erreichen… 😉 Es passt also alles (und die Welt dreht sich weiter), wenn ich mal nicht erreichbar bin.

Hiidenkirnut: No-Where / Now-Here

8. Oktober 2014

Foto: Julian Bialowas (via Irina Malenko)

Ich bin jetzt über 24 Stunden am selben Ort. Ja, richtig gelesen. So wie der Künstler Nikolaus Gansterer (Ja, ich hab den Namen gefunden, Foursquare-Checkin-Historie und Google-Suche sei Dank!), über den ich vor einigen Tagen geschrieben habe, als ich am Nordkap angekommen bin. Wahnsinn, das ist jetzt auch schon wieder über eine Woche her! Aber alles von Anfang an.

Kalt war’s diese Nacht im Wald. Aber auch schön, einsam und ruhig. Es ist leicht bewölkt und die Sonne geht langsam auf, doch sie kann trotz Anstrengung nicht ganz durch die Wolken dringen. Der noch junge Tag macht einen freundlichen Eindruck auf mich. Ich schaue mir die Sonne an, wie sie auf „ihrer Bahn vorbeizieht“ (Jaja, ich weiß, heliozentrisch und so!) und denke nur, wow, die ist ja doch eigentlich ganz schön schnell. Hier mit den Bäumen kann ich die Bewegung über den Himmel sehr gut verfolgen und ich erinnere mich an eine Passage des Achtsamkeits-Buchs in in etwa folgendes steht: Dem Universum bist du egal, es dreht sich nicht um dich, es dreht sich auch weiter, wenn es dir schlecht geht und dreht sich genauso, wenn es dir gut geht.

Es ist noch immer kalt draußen, ich kann meinen Atem sehen, aber es ist wirklich sehr angenehm hier im Wald, es weht ein fast nicht wahrnehmbarer Wind, der die Baumspitzen sich leicht hin- und herwanken lässt. Eine Gruppe von kleinen Vögeln fliegt hastig von Baum zu Baum und sie zwitschern wild dabei. Die Sonne bewegt sich langsam weiter, strengt sich sichtlich an (beziehungsweise stelle ich es mir vor), immer höher zu steigen, doch zu dieser Jahreszeit geht eben nicht mehr, als das bisher erreichte. Die Stämme der Birken leuchten neben und zwischen den Kiefern richtig hervor und deren Blätter, so sie noch welche haben, leuchten goldgelb in der schwachen Sonne.

Ich reflektiere über den bisherigen Verlauf meiner Reise, was ich schon alles erlebt habe, wie mein Plan aussieht und welche Strecken noch vor mir liegen und entscheide, hier zu bleiben. Diesmal aber richtig, nach dem Muster von Gansterer, und mich nicht weiter als hundert Meter vom Auto weg zu bewegen. Und das Handy bleibt für diese Zeit ausgeschaltet, das heißt im Flugmodus (alle Funkverbindungen sind aus, somit auch das Musikstreaming zur Bluetooth-Box). Heute höre ich also auch keine Musik.

Sehr, sehr vieles ist mir heute durch den Kopf gegangen, aber ich will euch gar nicht mit diesem ganzen Zeug langweilen. Gestern Abend hab ich noch das Hirnwichserei-Buch beendet (Wow, das ist gut!) und dann das Achtsamkeits-Buch begonnen, welches ich heute Abend fertig gelesen hab (Ebenfalls super!). Da fällt mir auf, dass ich noch nie ein Buch innerhalb von 24 Stunden beendet hab! 🙂 Wenn ich vorhin vom Einsamsein geschrieben hab, dann stimmt das nicht ganz. Über den Tag verteilt sind doch relativ viele Leute hier gewesen. Da war zuerst dieses alte Touristenpärchen, die waren sehr lang da, ich hatte schon ein wenig Angst, dass einer der beiden irgendwo reingefallen ist und ich zur Rettung eilen muss. Noch ein Auto, zieht eine Runde über den Parkplatz, ich denk schon, „Servus und Tschüss“ und dann bleibt es doch stehen. Es steigt eine Frau aus, allein, so um die 40, schaut sich auch die Gletschermühle an und verschwindet rasch wieder. Ich räume den Camper zusammen, bereite mir einen Tee zu und dann kommt wieder ein Auto, bleibt direkt neben mir stehen, fast am Weg zur Gletschermühle. Es steigt ein schlanker Mann in seinen 50ern aus, grüßt mich freundlich und spricht mich sofort an. Er war schon mal hier, damals im Winter, jetzt will er sich das mal im Herbst ansehen, und macht bei fast jedem zweiten Schritt ein Foto mit seinem iPhone. Nachmittags setze ich mich für einen kleinen Happen an den hölzernen Jausentisch, mache ein Feuer, um mich ein wenig aufzuwärmen und grille einen Bratapfel am Spieß. Wieder kommen Besucher. Zuerst zwei Frauen mit Signalweste und orangenem Drehlicht am Autodach, die sehen wohl nach dem Rechten hier, denk ich mir. Später ein dicker Typ mit weißer Jacke, welcher Fotos mit seiner auf dem Rücksitz mitfahrenden Spiegelreflexkamera macht und ein junges Pärchen, er trägt Arbeitskleidung und führt einen Hund an der Leine in der einen Hand, sie in der anderen Hand.

Im Achtsamkeits-Buch hab ich zwei schöne Sätze gelesen, die mir bei der Ruhe hier im Wald in den Sinn kommen:

Ernsthafte Situationen verlangen nach Stille.

Wer schweigen will, der muss hören können.

Ivalo – Sodankylä – Kemijärvi – Santa Claus Village (Napapiiri) – Rovaniemi – Hiidenkirnut

6. Oktober 2014

Sonnenaufgang am Horizont, sie verschwindet jedoch wenig später hinter den Wolken, Nieselregen am Vormittag. Ich erledige ein paar Dinge am Computer, da ich hier am Campingplatz noch Internet habe. Dann geht’s weiter Richtung Sodankylä. Ich sehe Wälder, Seen, hin- und wieder eine Hauseinfahrt, sonst nicht viel, auch nicht viel Verkehr.

Kaffeepause in Ivalo, ich finde direkt an der Straße ein lustiges Souvenir-Geschäft mit Second-Hand-Laden, es wird Sauna-Zubehör, Kinderspielzeug und Dekoartikel geführt, und schließlich Kaffee ausgeschenkt. Die kleine Cafeteria des Geschäfts ist voll besetzt mit Publikum quer durch alle Bevölkerungsschichten. Am Tisch liegt eine Lokalzeitung, ich vermute vom vorhergehenden Gast. Die Themen darin: Fischen, Lokalpolitik, Sport, Todesfälle, Sonnenauf- und untergangstabellen sowie allerlei Veranstaltungswerbung.

Nach Kilopää beginnt sich die Landschaft etwas u verändern, der Wald hat jetzt auch Bäume, die höher als drei bis vier Meter werden, manchmal sogar fünf bis sechs Meter, es beginnen endlich Birkenwälder (!), die aber leider schon alles Laub verloren haben, sich also nicht sooo gut als Fotomotiv eignen. Außerdem passt das Licht heute ja eh nicht. Die Straße ist sehr gut ausgebaut, meistens ist 100 die Höchstgeschwindigkeit. Normal ist Überland 80 in Finnland. Ich sehe mein erstes Rentier in freier Wildbahn, oder zumindest kann ich das Gehege nicht erkennen. Nebel und Nebelreißen setzen ein, aber es geht gut zu fahren. Seitlich neben der Straße liegen manchmal Reste von geplatzten LKW-Reifen.

In Sodankylä will ich mir die alte Holzkirche, eine der ältesten des Landes ansehen – leider verschlossen. Die neue Kirche, für deren Turm das Holz des Turms der alten Kirche verwendet wurde, ist ebenso verschlossen. Ich finde auf Foursquare eine nette Cafeteria und probiere eine typisch finnische Sandwichtorte und den im Internet ausgelobten Cheese Cake. Ah, ein Sportgeschäft! Hmm, die Haglöfs-Jacken kosten hier genauso viel wie bei uns. Sodankylä ist ein großer Heeres-Standort und ständig kurvt deren Fahrschule mit einem großen LKW inkl. Anhänger durch die Stadt. Ich frage die Chefin des Cafés nach einem Tipp für die Weiterfahrt. Soll ich den direkten Weg nach Rovaniemi nehmen oder lieber den Umweg über Kemijärvi. Umweg – der ist netter.

Ivalo und Sodankylä sind übrigens beides sehr nette, geschäftige Orte, viele Leute und Autos sind auf den Straßen unterwegs, es herrscht ein belebtes Getümmel vor und in den Geschäften. Die Leute stehen auf den Gehsteigen zusammen und tratschen. Seit meiner Ankunft in Finnland sehe ich viele Hundehalter mit ihren vierbeinigen Genossen, aber hier sind es wirklich viele, die beim Gassigehen unterwegs sind. Ich komme an netten, einsamen, jedoch angenehm und gemütliche erscheinenden Siedlungen und kleineren Ortschaften vorbei, sehe aber auch viele alte Autowracks in den Einfahrten stehen. Wie gestern bei der Wanderung gibt’s auch hier wieder viele riesige Ameisenhaufen. Neben der Straße sitzt eine schwarze Gans (Gibt’s sowas überhaupt?) ganz ruhig und bewegt sich während meiner Vorbeifahrt nur minimal, später fliegt eine Gruppe von fünf solchen „Gänsen“ eine Kurve lang die Straße entlang. Die Wälder sind hier von Wiesen und Weiden durchbrochen. Und es gibt Kühe und diese hässlichen Silo-Bälle, wie bei uns.

Zwischen Tapionniem und Kemijärvi bleibe ich an einem See auf dem Parkplatz für die Nacht stehen.

Soundtrack: Emilíana Torrini – Fireheads (Live)

7. Oktober 2014

Nach einem schnellen Frühstück und der Routenplanung geht’s nach Kemijärvi auf einen Kaffee in Susa’s Bistro (auch wieder eine Empfehlung von Foursquare, nachdem ich beim Herumkreuzen im Ort nichts Nettes gefunden hab). Der zweite Kaffee ist gratis und für die ganz Hungrigen gibt’s um halb elf schon Mittagessen, welches nach Gewicht bezahlt wird, 100 g für 2,20 – was ich später auch noch probieren werde, weil ich dort so lange hocke… 😉 Auf den Heizplatten der Kaffeekannen liegen kleine Kupfermünzen, weil die starke Hitze sonst den Kaffee verbrennen würde.

Kurzer Stopp im Santa Claus Village (armselig mit nur einem winzigen Häufchen Schnee) und Überschreitung des Polarkreises („Napapiiri“ auf Finnisch), schön war’s hier oben in den vergangenen zwölf Tagen! 🙂 Es folgt ein Rundgang in Rovaniemi: Einkaufsstraße, Espresso in der Schokoladen-Manufaktur, Rundgang durchs Souvenirgeschäft, evangelische Kirche (wegen des tollen Deckenfreskos, aber leider geschlossen) und Artikum-Museum (nur wegen der Architektur).

Wenig später Ankunft bei der Gletschermühle Hiidenkirnut. Coole Felsen, welche von größeren Steinen während des Abfließens der Gletscher zu Höhlen ausgebohrt wurden. Leider ist überall Wasser drin und ich kann nicht hinunter steigen, die Höhlen sind nämlich bis zu 18 Meter tief. Hier wären auch wieder sehr viele coole Boulderfelsen und ich ertaste, wie sich das Gestein auf den Fingern anfühlt.

Mittlerweile geht mir das Alleinreisen ordentlich auf die Nerven. Ich glaub, ich war noch nie so viel mit mir selbst beschäftigt und hatte so wenig Kontakt zu anderen Menschen, wie im Moment, in den vergangenen Tagen. Ich lasse dieses Experiment jetzt einfach noch ein wenig weiter laufen, in dem ich jetzt mal in meiner Mini-Zivilisation in Form des Campers, im Wald bleibe.

Inari: Wanderung auf den Otsamo und original finnischer Saunagang

5. Oktober 2014

Nach einem späten und gemütlichen Frühstück geht’s beim Siida-Museum los auf den 20 km langen Wanderweg. Der Pfad ist sehr gut sichtbar und hervorragend markiert. Da könnten sich die Norweger ein Scheibchen abschneiden. Es sieht ein bisschen nach Urwald aus hier, viele Bäume liegen entwurzelt kreuz und quer herum, darüber ist bereits dich das Moss und Heidel- sowie Preiselbeerbuschen gewachsen. Heidelbeeren gibt’s hier übrigens noch sehr viele, keine Ahnung, warum die niemand pflückt. An einem Forstweg sehe ich ein Schild „Wandern verboten!“ 😉 Viele Schwammerln stehen im Wald, die meisten davon sind aber ungenießbar, weil bereits mit Wasser vollgesogen und teilweise sogar wegen der schweren Last umgefallen. Ich sehe sogar lustige Exemplare, die aussehen, als bestünde der Schirm aus einzelnen Blättern. Hin und wieder stehe eine einzelne Birke im Kiefernwald, selten ein nach Blitztreffer ausgebrannter Baumstumpf. Unzählige coole Boulderfelsen gibt’s hier wieder, die müssten natürlich alle noch geputzt werden, bevor sie wirklich ordentlich beklettert werden könnten. Bei der metallenen Hängebrücke sehe ich mir die Stromschnellen Jäniskoski an und denke mir, dass ich da ganz sicher nicht hineinfallen will… 😉 Zum Überwinden der Zäune muss der Wanderer hier klettern können. Der Großteil des Weges ist relativ eben, es gibt nur kleinere Auf- und Ab-Passagen, doch der letzte Kilometer hat es in sich, da wird es ganz schön steil und plötzlich gibt’s wieder diesen sandigen Boden.

Geile Aussicht oben am Gipfel des Otsamo. Er ist nicht vergleichbar mit dem klassischen Berggipfel in Österreich, erst einmal hab ich einen vergleichbaren Gipfel bestiegen (den Lodron im Tiroler Westendorf). Ganz flach und abgerundet präsentiert sich die Bergspitze dem Wanderer. Zum Glück steht am höchsten Punkt eine kleine Schutzhütte, neben der eine Treppe zur am Dach befindlichen Aussichtsplattform führt. Die Hütte ist putzig und bietet maximal acht Wanderern eine Sitz- und Aufwärmgelegenheit. Es ist für alles vorgesorgt: Ofen, Brennholz, Trockenbrot, Kekse, Gaskocher, Zünder, Teelichter, Tourismusmagazin von Inari, Anleitungen zum Verwenden der Hütte an den Wänden und ein Gipfelbuch in Form eines Spiralblocks. Der Wind pfeift ordentlich von Osten her und ich trockne damit notdürftig meine Fleeceweste, trockene Leiberl hab ich ja ohnehin mit.

Beim Abstieg kämpft sich manchmal die Sonne durch die dicke Wolkendecke. Es gibt neben dem Fluss mehrere überdachte Feuerstellen, die ebenfalls den Wanderer zur Rast und zum Grillen der mitgebrachten Jause oder zum Kochen eines Tees einladen. Auch hier ist wieder ein eigens erbauten Hütten für genügend Brennholz gesorgt.

Abends mache ich eine Saunierung 😉 am Campingplatz. Die Sauna-Hütte ist gleich am Seeufer, hat einen kleinen Vorraum zum Ausziehen und Rasten mit offenem Kamin (der ist jetzt natürlich, weil ich der einzige Gast bin, nicht eingeheizt) und durch einen Duschraum ist der Zugang in den Schwitzkasten eröffnet. Untere Bänke gibt es de facto nicht, die sind so schmal, dass sie nur als Fußstütze für die oberste Bank herhalten können. Drinnen steht ein relativ großer Elektroofen, mit dem sind sicher höllenheiße Aufgüsse machbar. Es folgen einige Saunagänge inklusive Abkühlung im arschkalten Inari-See. Ok, schön war die Abkühlung nicht, aber ich kann sie wenigstens von meiner Liste abhaken… 😉

Seit fünf Tagen bin ich offiziell arbeitslos, das wird mir erst heute klar. Es wird wohl noch ein wenig länger dauern, bis sich das Gefühl komplett einstellt.

Was mir heute außerdem aufgefallen ist: so zehn bis zwölf Kilometer, vielleicht vierzehn, ist es ja überhaupt kein Problem, allein zu wandern. Aber alles darüber hinaus ist mir schon zu langweilig. Wie vor einigen Tagen beim Knivskjellodden (18 km Wanderweg) dauert es mir dann zu lang, ich weiß schon gar nicht mehr, woran ich noch denken soll und ich will nur noch zum Ausgangspunkt zurück. Aber es funktioniert trotzdem, es ist – wie beim Klettern – nur eine Kopfübung.