Wien – Dresden – Schlieben – Stralsund – Rügen – Prora – Kiel

20. September 2014: Wien – Nachtzug nach Dresden

Vom russischen Familienvater, der sehr gut Deutsch spricht, werde ich nach dem Verstauen meiner Habseligkeiten freundlich, aber bestimmt, wieder aus der gemeinsamen Nachtzug-Kabine geschmissen: seine Frau möchte sich umziehen. Na gut, mir ist heim Hochstemmen der Taschen eh heiß geworden und ich muss mich am Bahnsteig bis zum Pfeifen des Zugabfahrtssignals auslüften. „Kaffee oder Orangensaft“ werde ich vom Zugbegleiter gefragt, der mir meine Fahrkarte abnimmt. Um 6:20 bringt er mir das Frühstück, bei dieser großen Auswahl kann ich ja gespannt sein, was auf mich zukommt. Es folgt ein kleiner Tratsch mit dem Russen, der mit seiner Familie nach Berlin unterwegs ist, und dann geht’s ab ins Bett – das ich mir zuvor natürlich noch selbst machen muss.

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21. September 2014: Dresden – Schlieben – Prora – Binz

Unruhige Nacht, in jedem Bahnhof wache ich kurz auf, schlafe aber danach wieder schnell ein. Die alten Russen pennen tief und fest, sie kriegen nicht mal mit, dass ich meine Taschen aus der Ablage zu ihren Füßen hole. Vielleicht liegt das ja am Vodka im Blut? Denn der Kleine ist mit meiner Herumkramerei plötzlich hellwach, starrt fasziniert in den Dresdner Morgen und winkt mir zum Abschied zu. Am Bahnhof empfangen mich Thomas, und – Überraschung! – André. Hat er es also doch so früh am Morgen geschafft, seinen alten Kollegen auf der Durchreise in seiner schönen Stadt zu begrüßen. Das freut mich sehr, danke André! 🙂

Auf der Fahrt nach Schlieben erklärt mir Thomas schon mal ein paar technische Details seines Campers „Alf“ und ich staune nur, wie viel Zeit und Mühe er in Beschaffung und Umbau des ehemaligen Ambulanz-Gefährts gesteckt hat. Die lokalen Greifvögel lässt das vollkommen kalt, sie fliegen neben dem Campingbus über die Felder oder sitzen auf irgendwelchen Masten herum. Unmittelbar vor Thomas’ Haustüre gibts dann noch eine kurze Einweisung, Unterzeichnung des Übergabeprotokolls und die Übergabe der Kohle. Das Urlaubsgeld geht ganz schön schnell dahin. Minuten später bin ich dann auch schon „on the road“, jedoch spielt mir das Navigationssystem ein paar Streiche: es sagt die Entfernungen zu Abfahrten falsch an und sagt das Ziel nicht dazu, so verpasse ich einige Abzweigungen und fahre plötzlich im Rund-um-Berlin-Autobahnen-Wirrwarr einen Umweg von 30 Minuten. Außerdem kennt es den Unterschied zwischen links halten und dem Straßenverlauf folgen nicht. Naja, mittlerweile weiß ich, wie ich auf’s Navi hören muss.

Gepflegter Stadtrundgang in der Hansestadt Stralsund: St.-Marienkirche, Neuer Markt, Alter Markt, Rathaus, St.-Nikolaikirche, Hafen, Heiliggeist-Kloster, dazwischen Stärkung im niedlichen, ganz nach Wiener Vorbild eingerichteten, Café Nikolai. In Stralsund trifft neue auf alte Architektur, mühevoll restaurierte auf grässlich heruntergekommene sowie teilweise verfallene Gebäude. Es gibt scheinbar unzählige Kirchen, welche zum Teil nahtlos in die umgebende Gebäudestruktur eingebaut sind. Die klassischen, alten, evangelischen Kirchen sind auffallend prunkvoll angelegt und ebenso ausgestattet: wunderschöne Wandmalereien, sehr viele Gemälde, Turmhöfe, riesige Glasfenster, mehrere Altäre, eigener Gang rund um den Hauptaltar.

„Ein Wiener auf Rügen“ denk ich mir später, André hat mir Binz und Prora empfohlen, über den Rügen-Damm soll ich fahren, welchen ich leider verfehle und stattdessen die gigantische Schrägseilbrücke nehme. Unendliche Alleen säumen die Straße hin zum historischen Ostseestrand, denn in Prora hat Hitler ein Seebad in Auftrag gegeben, in dem bis zu 20.000 Menschen Urlaub machen hätten sollen. Fertiggestellt wurde es nie, weshalb Teile der gigantischen Anlage („Koloss von Prora“) Ruinen sind. Das KdF-Bad (NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“) wurde gegen Ende des Kriegs als Lazarett und davor als Ausbildungszentrum genutzt. Später am Stammtisch in der Campingplatzkneipe wird ein Einheimischer sagen: „Das ist der schönste Strand der Ostsee. Hitler wusste, wie er seine Gefolgsleute motivieren kann!“ Binz ist ein schönes Luftkur- und Touristenörtchen, ganz in weiß gehalten, mit vielen Hotels, Flanier-Boulevards und noch viel mehr Gästen auf den Straßen.

Nach dem Einchecken am Campingplatz gehe ich noch einmal zum Strand und genieße die Stille in einem der Strandkörbe. Auch hier sind noch Ausläufer der KdF-Bads, welches mittlerweile neben der Nutzung als NS-Dokumentationszentrum und des Standorts mehrerer Museen sowie Galerien, zu einem Projektentwicklungsobjekt für den Wohnbau geworden ist: wohnen im Mahnmal, naja, wer’s mag. Mehrmals hab ich mir heute im Auto gedacht: wow, 4 Wochen unterwegs! Ich kann’s noch immer nicht ganz fassen, jetzt schießt’s mir wieder durch den Kopf. In der Campingplatzkneipe ist später Hochbetrieb, es wird Köstritzer Schwarzbier serviert, dazu bestelle ich eine vorzügliche Soljanka und eine eingelegte Dorschleber auf Blattsalaten. Yeah, Ostalgie deluxe. Zum Abschluss gibt’s noch einen typischen Rügener Sanddornlikör auf Eis.

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22. September 2014: Prora – Kiel – Fähre nach Oslo

Wieder eine unruhige Nacht. Dieses Mal ist sie wohl der neuesten ungewohnten Bettgelegenheit geschuldet. Hoffentlich gewöhne ich mich in den nächsten Wochen an das Liegen im Camper, sonst krieg ich ein Problem… 😉 Aufgrund morgendlichen Schlafmangels geht’s nach einer kurzen Dusche schon bald auf die Piste, was aber eh gut ist, denn der Weg nach Kiel ist ein beschwerlicher. Es ist Montagmorgen und es kommt mir so vor, als wäre ganz Norddeutschland auf der Straße. Aufgrund des tollen Wetters (es schüttet wie aus Schaffeln) lasse ich den Rügen-Damm abermals links liegen (schade drum, aber ich will schnell weg von hier). Einstweilen auf der Autobahn, in einer einspurigen Baustelle: zuerst stockender Verkehr, wenig später geht nix mehr. Es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit, jedoch sind es – zum Glück – nur 10 Minuten. Die letzten Kilometer bis Kiel verbringe ich in der Kolonne auf der Landstraße, bis ich dann doch noch rechtzeitig den Norwegenkai von Color Line erreiche und mich und mein Auto einchecke. Ich hab aber die falsche Zahl für die Wagenhöhe aus der Campingbus-Beschreibung ausgelesen und so muss ich 40 Euro Aufpreis zahlen – obwohl der Camper später auch neben kleineren Autos steht, eine richtige Spaßgebühr also.

Nach kurzer Rast („Schillen“, wie man hier in Norddeutschland sagt 😉 geht’s zum Auslaufen auf’s Sonnendeck auf Ebene 12 und 13, nur halt ohne Sonne, dafür fegt der Wind über’s Deck. Ein Rundgang an Bord klärt mich auf: der schönste Platz ist auf Deck 15 vorne die Observer Lounge Bar, da werde ich dann später ein wenig die Wellen beobachten, Reisetagebuch schreiben und bloggen. Und: das Internet kommt hier vom Satelliten und kostet für 3 Stunden 70 Norwegische Kronen (kurz: NOK), das sind ca. 8,40 Euro. Der Seegang und die steife Brise ist hier trotz der Größe des Schiffs ganz deutlich zu spüren, die Bar ist als verkleideter, ovaler Balkon angelegt und schwebt frei hinter und über der Schiffsbrücke. Es reicht auch, nur ein Getränk zu bestellen, anschließend werde ich mit meinem Laptop – oh, hier gibt’s auch eine Steckdose für mein Netzteil – von den sehr netten Kellnern in Ruhe gelassen.

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Ach ja, die Fotos gibt’s später. Ich hab mein Kabel im Auto auf Deck 3 vergessen, und das ist jetzt bis zur Ankunft in Oslo verschlossen.

4 Antworten auf „Wien – Dresden – Schlieben – Stralsund – Rügen – Prora – Kiel“

  1. hi Alex! you did it! get this Party started… der camper schaut aber wirklich lässig aus, hoffe der hat auch eine standheizung eingebaut, sonst wird’s ein bissl ungemütlich in der nacht. aber mit den entsprechenden getränken kann man sich auch von innen wärmen. wünsche dir freie fahrt!

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