Oslo – Hardangervidda – Bergen

22. September 2014 (Nachtrag)

Die Überfahrt gestern war angenehmer als damals 2011, denn ich hab jetzt auch gelernt, nicht jeden Euro dreimal umzudrehen, schließlich bin ich im Urlaub. Und auf der Bank gibt’s eh de facto keine Zinsen für das Geld. Nach dem ernüchternden Schnell-mal-viel-Geld-ausgeben-Erlebnis von gestern beim Einchecken meines Campers ab ich mit meinem tollen Satelliteninternet gleich mal geprüft, was die anderen Fähren zur Fahrzeughöhe sagen. Ok, Hurtigruten ist einverstanden: „Max. 6,40 x 2,40 x 2,40 m (Länge x Breite x Höhe).“ Jedoch Finnlines nicht so ganz: max. Fahrzeughöhe 2,10 m – also mal ein E-Mail hinschreiben.

Später geht’s dann zum Abendessen in die Tapas-Bar in der Promenade auf Deck 7, was aber keiner näheren Beschreibung wert ist. Von hier aus ist der Überblick aber großartig, der Luster wackelt im Rhythmus der Wellen circa einen halben Meter hin- und her, die adipösen Norwegerinnen, die nur bestrumpft sind (passen ihnen keine Schuhe mehr?) wackeln im Takt dazu, werden im Getümmel von alten Männern mit Herrenhandtaschen (werden die denn wirklich wieder modern?) abgelöst, vielleicht besuchen sie den etwas schwul wirkenden Parfüm-Verkäufer im Duty-Free-Shop, tiefenentspanntes Bordpersonal schwirrt aus allen möglichen versteckten Türen hervor und besorgt sich in der Tapas-Bar ein Fresspaket zum Mitnehmen von der ebenfalls tiefenentspannten Tapas-Bar-Bedienung. Mir kommt der Skipper meiner Segeltörns in den Sinn, der über Motorboote immer gesagt hat, sie seien wie Bügeleisen, dieses Riesenschiff ist aber bei dem aktuellen Wellengang nicht mehr im Stande, das aufgepeitschte Meer niederzubügeln. Neben der Vibrationen der Maschinen sind die Schläge der an den Rumpf anbrandenden Wellen deutlich spür- und auch hörbar. Ach ja, trinkt bitte kein Gin-Tonic an der Bar.

23. September 2014

Die Nacht verläuft ruhig, wir laufen bei Windstille und kaum Wellenbewegung in die Bucht von Oslo („Uschlu“) ein, ich trinke einen Kaffee an der Bar und esse ein Wienerbrød dazu. Anschließend legen wir pünktlich an, das Navi wird programmiert und es geht ab auf die Piste nach Bergen – ist ja schließlich ein langer Weg. Ich überquere einspurige Brücken im Numedal nach Kongsberg, beobachte viele Norweger beim Ignorieren der Geschwindigkeitsbegrenzungen und passiere unzählige Baustellen (ich glaube, die Norweger sind in Wirklichkeit gar kein Seefahrervolk, sondern eher Ingenieure und Baumeister), es werden hier Felsen in unmenschlichem Ausmaß bewegt. Es geht weiter Richtung Hardangervidda und mich beschleicht das Gefühl, dass der heutige Herbstbeginn zugleich auch der Winterbeginn ist, denn es werden schon die Schneestangen aufgestellt. Die Höhe ebendieser lässt einen Rückschluss auf die massiven Schneemengen im Winter zu. Ich fahre an Holzhütten auf Stelzen, an schwarzen Holzhütten mit begrünten Dächern vorbei und durch finstere Tunnel. Plötzlich steht ein alter Straßenarbeiter (kurz vor der Pensionierung?) mitten auf der Straße, ungesichert, ohne Vorwarnung, vermisst er die Straße am nicht vorhandenen Mittelstreifen, nur mit Warnweste bekleidet.

In Ustaoset, bereits im Hardangervidda-Nationalpark und auf direktem Wege westwärts nach Bergen, mache ich kurz an einer niedlichen Tankstelle inkl. Kiosk Halt – danke Jens für diesen Tipp, der jedes Jahr in einer Hütte hier in der Gegend Sommerurlaub macht. Ich versuche auf Norwegisch zu bestellen, scheitere aber bald. Trotzdem ernte ich ein „Geht gut mit dem Norwegisch!“ Da freu ich mich… 🙂 Die Landschaft wechselte schon mehrmals ziemlich schnell bis hierher, aber hier spielt der Herbst seine ganze Farbenpracht aus. Die karge Vegetation von niedrigen Bäumen, Sträuchern, Flechten und Moosen ist in alle Nuancen von grün, gelb, rot und braun sowie weiß und schwarz gefärbt. Beim Hinunterfahren vom Hochplateau verschlägt es mir die Ohren, so schnell geht es über die vielen Serpentinen wieder hinunter ins „Tal“ zum Hardangerfjord. Hier trickse ich dann das Navi aus und fahre in den Berg hinein, über blau beleuchtete Kreisverkehre (direkt in den Berg hineingebaut) über den Fjord drüber (schaut lustig aus auf dem Navi-Display), nämlich über die Hardangerbrua (1.380 m, 2011 war hier noch eine Baustelle). Ich finde: noch ein Beweis, dass die Norweger eigentlich lieber bauen als segeln! 😉 Die Landschaft wechselt abermals, es wird wieder zivilisierter, und ich merke am Verkehr, dass ich der Stadt näher komme. Bei der Einfahrt nach Bergen trickst mich dann das Navi aus, leitet mich an einer mickrigen Ausfahrt von der Autobahn hinunter um mich unten angekommen gleich wieder hinaufzuschicken. Touché.

Das Boarden am Hurtigruten-Terminal gestaltet sich wieder schwierig (Erinnerungen an gestern in Kiel werden wach), zuerst weiß die Check-in-Dame nicht, wo ich genau hinfahren muss, dann bleibt das Tor zu, weil der Schlüsselmeister die falsche Liste hat. Aber ich darf dann nach einer zusätzlichen Wartezeit doch endlich an Bord fahren, mein Gepäck ist ja ohnehin schon da. Das Verschiffen geht hier aber nur einzeln und aufgrund der Enge des Laderaums ausschließlich wenn der Einweiser mithilft. Außerdem erfolgt die Zufahrt seitlich über die Laderampe, welche mit einem Aufzug individuell an die Höhe der entsprechenden Kaimauer angepasst werden kann. Aufzugfahren mit einem Auto – hab ich auch noch nie gemacht! Die anderen Autos werden noch ein wenig rangiert und dann darf ich auch endlich einparken.

Dieses Schiff (MS Richard With) ist viel spartanischer als die Fähre von gestern (MS Color Fantasy), aber irgendwie nett und gemütlich. Es gibt hier noch weniger Gäste als gestern und der Großteil macht die klassische Kreuzfahrt bis nach Kirkenes, manche sogar wieder zurück bis nach Bergen. Auf Sicherheit wird hoher Wert gelegt, es wird geschätzte 100 Mal darauf hingewiesen und sogar ein Probealarm während des Abendessens durchgeführt. Das Buffet ist das Geld übrigens nicht wert, auch wenn das Vorspeisenbuffet exzellent ist. An der Bar ist es sehr ruhig, ich frage mich, wo alle anderen Gäste sind, doch nicht etwa schon alle im Bett? Insgesamt ist das „Klima“ schon ganz anders als auf der Spaßkreuzfahrt Kiel-Oslo. Um halb 11 bin ich neben dem Barkeeper die letzte Person im Raum, Zeit zum Schlafengehen denk ich mir. Plötzlich steht er vor mir und fragt, ob er abschließen darf und ist auch sonst sehr redselig: wenn er in Trondheim von Bord geht, war er 22 Tage auf dem Schiff und hat anschließend 3 Wochen frei. Er macht immer solche Dienste, damit er nämlich in der zusammenhängenden Freizeit Reisen in europäische Städte und Nahost unternehmen kann. An den Strand zieht es ihn gar nicht – der Typ ist mir sympathisch… 😉 Ach ja, das Internet ist hier langsam aber gratis, und ich hab Nachricht von Finnlines bekommen: Weil der Camper 5 cm höher ist als maximal erlaubt soll ich 113 Euro zahlen. Die spinnen, die Finnen!

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