Kristiansund – Trondheim – Bodø – Kobbvatn

25. September 2014

Jetzt ist schon wieder mein Fenster gewaschen worden. Dieser Matrose ist schon sehr säuberlich! An Durchschlafen kann ich auf diesem Schiff nicht denken, spätnachts, bei strömendem Regen, wurden in Kristiansund Güter verladen. Die arbeiten hier ja wirklich rund um die Uhr und sind gar nicht so faul, wie Anna sagte. Aufgewacht bin ich, weil durch die Vibrationen der Maschinen beim „Einparken“ (Bugstrahlruder?) meine nicht komplett geschlossene Kastentüre gescheppert hat. Wir fahren in die Trondheimer Bucht ein, es sieht nach Sonnenschein aus und laut Wetter-App müsste sie bald aufgehen, also raus aus den Federn und raus aufs Deck! Naja, die Sonne ist da, aber versteckt sich hinter einigen Wolken. Wieder nix mit dem Sonnenaufgang-auf-dem-Schiff-Foto. Hoffentlich klappt es dann wenigstens mit den Nordlichtern, die passende App dazu habe ich ja jetzt dank der Annonce des Norwegischen Tourismusbüros in der Hurtigruten-Zeitung. „Norway Lights“ heißt die App und zeigt in drei Stufen an, welche sich aus Sonnenwind-Intensität und Wolkenradar berechnen, ob die Chance gut ist, Nordlichter zu sehen: Wait, Try und Go.

Die Trondheimer Altstadt mit dem Nidarosdom kenne ich schon von meinem Südnorwegen-Roadtrip 2011 also folge ich dem Tipp von Anna und schaue mir Bakklandet, westlich der Altstadt an. Das ist dort, wo die bunten Speicherhäuser am Wasser stehen, rüber über die Gamle Bybro und schon steht ich mittendrin und bin entzückt. Sehr niedlich diese ehemalige Arbeitersiedlung und jetziges Hipster-Viertel. Am Weg hinauf auf den Hügel zur Kristiansten festning steht ein Fahrradlift. Fußmarode Radler bekommen hier mir einem auf einer Schiene motierten Tritt Anschub und können so, den linken Fuß am Pedal und den rechten am bewegten Schienentritt, den Berg ganz locker überwinden. Oben gibts nämlich eine große Schule und viele Wohnhäuser. Die Schule hat auch einen im lichten Wald gelegenen Sportplatz und den Jugendlichen scheint es gar nichts auszumachen, im Regen Sport zu machen sowie im Dreck paarweise Koordinationsübungen zu machen und gemischt (Mädels und Buben im Gymnasiumsalter) Fußball zu spielen.

Die Festung oben am Hügel ist irgendwie putzig. Es handelt sich um eine sehr altes, stabiles Gemäuer, nicht groß, aber von massiver Statur, mit vielen Schießscharten, einfachem Dach und begrünten Befestigungswällen in mehreren Stufen rundherum. Auf den Wällen selbst gibt es keine Mauern mehr, die Verteidiger hatten hier keine Deckung und mussten wohl aufpassen, nicht zu den Angreifern hinunterzufallen… 😉 Leider hat – wie fast alles in der Nachsaison – das Gebäude geschlossen. Im Sommer muss es hier anscheinend recht nett und chillig sein, es gibt viele Gartengarnituren und einige Schilder mit Grill- und Lagerfeuerverbot.

Zurück im „Dorf“ Bakklandet genehmige ich mir einen grandiosen Espresso (von der wunderbaren Gattung) und ein Tranebær Scone. Die Bestellung auf Norwegisch klappt gut und Kristina, die liebe Barista und Fotografin, verwickelt mich gleich in ein interessantes Gespräch über Kameras, den Duft frisch gemahlenen Kaffees, das „blooming“ beim Aufgießen des Filterkaffees in der Cemex-Kanne, lässt mich die neue Cemex-Röstung kosten, die sie zu ihrem Geburtstag das erste Mal getrunken hat, erzählt mir die Geschichte, wie sie über ihre Großeltern und deren Bialetti zum Kaffeegenuss gekommen ist und gibt mir nach meinem Bohnen-Einkauf sogar noch einen Becher frischen Filterkaffee mit auf den Weg! 🙂

Der Rückweg zum Schiff steht an, welcher mich über die Nygata, vorbei am neuen Einkaufszentrum Solsiden wieder hinunter zum Hafen führt. Anlässlich des Kammermusikfestivals „Listen with Care“ wurde eine übergroße Violine mit Saiten aus Stahlseilen aufgebaut. Wäre interessant, zu hören, ob sie auch klingt. Oder eigentlich will ich es nicht hören, denn der Klangkörper wäre Trondheim, die Violine steht nämlich direkt am Boden. Das würden die schönen bunten Speicher sicher nicht aushalten.

Am Nachmittag hab ich in der Lounge auf Deck 7, diesmal ganz vorne an den Panoramafenstern, Zeit zum Nachdenken. Die brauche ich auch, denn der Satz, oder das Zitat, den/das mir eine sehr liebe Freundin auf die Reise mitgegeben hat (danke dafür! #nonmention), muss noch etwas sickern. Ich lese ein Buch, schreibe Reisetagebuch und lade die neuesten Fotos in die journi-App hoch. Gegen 14:00 fahren wir an einem tollen Leuchtturm vorbei, der mitten ins Meer hineingebaut und dessen Insel gar nicht sichtbar ist. Alle springen auf und machen Fotos. Ich schau mir lieber die Szenerie und den schönen achteckigen, roten Leuchtturm an. War da nicht auch eine Sauna an Bord? Ok, Saunasuchen ist angesagt – und – gefunden, es folgen zwei Saunagänge mit ausreichend Rastzeit (leider in Ermangelung eines Ruheraums in der eigenen Kabine, also immer wieder an- und ausziehen, rauf- und runtergehen dazwischen.

Die ziehen hier ihr Bespaßungsprogramm rigoros durch. Das Schiff ist gedanklich zweigeteilt. Einerseits geht’s um die Erfüllung des Primärauftrags, nämlich des Transportwesens (Post wird mittlerweile keine mehr mit dem Schiff transportiert). Und das passiert äußerst professionell. Da hast du als Passagier das Nachsehen. Erst kommen die Waren an Bord, dann du mit deiner alten Kiste. Na und andererseits geht’s um den Tourismus. Hier lassen sie sich zwar nicht lumpen, aber es geht gelassener zu. Denn die Gäste sind ja eh schnell zufrieden zu stellen, wenn sie nur ein wenig beschäftigt werden – so scheint es jedenfalls. Da kann ich mitmachen, so wie es beim Hjørundfjord-Ausflug und beim „Recap of the Day“ war, oder eben nicht (und den zweiten Ausflug nicht buchen oder die Recap-Präsentation vorzeitig verlassen, auch wenn das vielleicht unhöflich erscheint, aber wenn es für mich keinen Mehrwert mehr bringt).

Der Nachdenk- und Sauna-Nachmittag beginnt zu wirken, mir beginnen so einige Sachen zu dämmern. Von Anna hole ich mir später noch die versprochenen Lofoten-Tipps ab und ich bedanke mich ganz brav für die Bakklandet-Empfehlung. Das mit dem Abendessen hab ich leider ein bisserl falsch verstanden. Es muss zwar nicht im Voraus, kann auch ad-hoc gebucht, aber dennoch muss um 19:00 gegessen werden, denn alle Gänge werden für alle Gäste gleichzeitig frisch zubereitet. Da ich 1 1/4 Stunden verspätet ankomme muss die Restaurantleiterin Ann-Carolin zuerst einmal in der Küche nachfragen, ob ich noch was essen darf. Na ok, weil ich es bin, es gibt noch was, aber ohne Vorspeise. Was für ein Glück, Eismeerkrabben mag ich eh nicht so. Als Hauptgang gibt’s ein riesiges Heilbutt-Steak auf Mini-Braterdäpfel aus dem Ofen, einer tollen norwegischen (!) Sauce (haha) und einer exzellenten Salatgarnitur. Das war schon recht gut, aber das Dessert hat es in sich: es erscheint ein kleines Schälchen, gefüllt mit einem Pudding aus Kjernemelk und Bourbon-Vanille (fast wie ein Pannacotta), getoppt von einer dünnen Schicht Sanddorn-Gelee mit einigen eingegossenen Sanddorn-Beeren und mit einer kleinen Kugel Aquavit-Eis (bist du deppert, das schmeckt geil!) obendrauf. Ich bedanke mich wieder ganz adrett, aber das Rezept lässt sie trotzdem nicht rauswachsen, die gute Ann-„it’s a secret“-Carolin.

Abends gibt’s in der Panoramalounge noch so eine halblustige Modenschau, die Sekundärmissions-Besatzung (also alle, die mit den Touristen zu tun haben: Reiseleiterin, Rezeptionistinnen, Restaurantleiterin, KellnerInnen) zeigen die Kleidung vor, die es im Bord-Shop zu kaufen gibt. Ach, minus 50 % morgen auf ausgewählte Artikel, nicht wahr!? Anna hat es vorhin an ihrem Schalter auf den Punkt gebracht: es ist ausschließlich „just for fun“ – für die Touris, als auch für die Besatzung (vorallem für letztere glaub ich). Sie ist schon sehr gut im Animieren der Touris und Motivieren ihrer KollegInnen. „It’s part of her job“ sagt sie darüber, ja natürlich, aber du brauchst auch eine grundlegend positive Einstellung, sonst geht das nicht.

Was dann auch noch ins gesamte Bild der Hurtigruten-Reise passt: der neue Barkeeper (der alte, redselige, nette hat ja in Trondheim das Schiff verlassen) muss mit der Karte eine Weinflasche aus dem Kühler suchen, von der ein Gast ein Glas bestellt hat und hat dann nicht mal einen Korkenzieher zur Hand. Das bestätigt wieder die These, dass das Touri-Programm hier nur Nebensache ist. Naja, und das norwegische Bier ist eh auch gut (aber leider vieles in Alu-Dosen).

26. September 2014

Hab ich schon geschrieben, dass ich hier an Bord nicht durchschlafen kann? Jetzt erzittert nicht nur die Kastentüre, nein, die gesamte Kabine mitten in der Nacht beim Andocken an der Kaimauer. Ich glaube, das Schiff bricht bald auseinander. Was für ein Glück, dass ich heute in Bodø von Bord gehe. Kurz nach 7 Uhr wird der Polarkreis überquert, ich schaffe es trotz Durchsage der Rezeptionistin (Anna, die Reiseleiterin, steht schon mit allen anderen Touris draußen auf Deck 7) nicht rechtzeitig aus der Kabine, also schau ich mir die Insel mit dem Globus durch den schmalen Spalt zwischen den Rettungsbooten an. Es regnet ohnehin. Also ab jetzt sind offiziell Nordlichter zu sehen. Gut so. Der Kapitän, oder sonst jemand auf der Kommandobrücke, betätigt das Horn, damit wirklich alle wissen, dass wir jetzt im Polarkreis sind.

Beim Frühstück beobachte ich die andern Passagiere. Eigentlich dreht sich bei vielen hier an Bord vieles nur rund um das Essen. In der Früh und mittags gibt’s ein All-you-can-eat-Buffet und abends ein 3-Gänge-Menü mit ausgewachsenen Portionen. Vielleicht sind daher viele an Bord so außerordentlich dick. Das war ja auch schon auf der Fähre von Kiel nach Oslo so, nur dort waren sie eher adipös. Sorry für das Gejammere. Einen Tisch weiter sitzt auch ein einsamer Passagier. Ein alter Norweger, hab ihn bisher nicht an Bord gesehen, vielleicht ist er erst kurz an Bord, welcher total in sich selbst ruht. Er sitzt mit dem Rücken zum Raum, aber auch nicht zum Fenster, irgendwie so mittendrin, beobachtet nicht die Leute, die um ihn herum schwirren, schaut auch nicht zum Fenster hinaus, oder mich an, wo ich ihn beobachte, er starrt einfach ruhig in den Raum oder auf seinen Tisch. Dabei wirkt er gar nicht traurig, nur etwa nachdenklich, aber ich glaube es geht ihm gut. Da fällt mir auf: es dürfte gar nicht wenige Passagiere geben, die nicht die ganze Kreuzfahrt von Bergen nach Kirkenes oder vielleicht sogar wieder zurück gebucht haben, sondern nur auf Teilstrecken, von Ort zu Ort mitfahren, statt zu fliegen. Finde ich gut!

Reiseleiterin Anna lässt wieder ihre ganze Motivations- und Animationskunst sprühen, bei Sturm und Gischt wird die Polarkreis-Zeremonie am voll besetzten Sonnendeck „gefeiert“ und sie hat sogar einen Matrosen als König Neptun verkleidet, haha! Jede/r kriegt von ihm oder dem Kapitän einen Schöpfer Eiswasser ins Genick geschüttet und danach einen Becher Gewürzwein. Später sitzt eine alte Dame am Klavier in der Bar und gibt alte Schinken zum Besten. Sie spielt sehr schöne, angenehme Stücke, bei denen man die Erinnerungen an ein bewegtes Leben in ihrem Gesicht aufblitzen sieht. Anna hat sie nicht mal eine Stunde vorher noch am Reiseleiterinnen-Schalter dazu animiert und mir erklärt, dass es so viele Zeiten während der Reise gibt, in denen kein Programm an Bord vorgesehen ist. Da ist es nur gut, wenn sich die Leute selbst beschäftigen, aber sie muss sie eben dazu anleiten.

Das Ausparken vom Autodeck der MS Richard With geht Dank der norwegischen EinweiserInnen ganz fix und ich verlasse das Schiff, um meine Kilometer auf der Straße zu ziehen. Was für ein Timing. Ich erreiche den Saltstraumen und da geht der Gezeitenstrom auch schon los und wird immer stärker. Die Fließgeschwindigkeit beträgt bis zu 30 km/h. Später kommt auch noch der Bus mit den Passagieren des Schiffs, welche ich somit für diese Reise zum letzten Mal sehen werde.

Die Norweger sind übrigens Freunde von schönen Autos. Glaub ich jedenfalls. Und anscheinend stehen sie auch auf erneuerbare Energien. Ich hab jedenfalls noch nie so viele Tesla wir hier in Norwegen gesehen. Es gibt auch eine 3-spurige Straße, deren Spuren mittels Überkopfanzeiger für die beiden Fahrtrichtungen je nach benötigter Intensität freigegeben werden können. Also heute Nachmittag aus der Stadt hinaus zweispurig, hinein einspurig. Sehr gescheites Konzept für den Pendelverkehr, finde ich. Die Sonne kommt raus, sie ist noch ziemlich stark und wärmt meine kalte Nase von der Fotosession am Saltstraumen.

Rundgang in Bodø. Guter Espresso mit Zimt-Brioche in dem netten Coffee Shop Cielo Melkebaren. Das Kennwort des WLAN bedeutet so viel wie, dass die Eigentümer des Coffee Shops die Fußballmannschaft von Tromsø hassen… Der Kaffee wird in der Stadt geröstet. Später: ok, die Fähre nach Moskenes auf den Lofoten geht nicht. So was blödes! Ob sie morgen fährt ist unklar. Bei dem Sturm aber auch verständlich. Dafür gibt’s einen Regenbogen. Ich entscheide schwermütig, die Inselgruppe auszulassen (auch wegen der morgigen Wettervorhersage, die Wandern unattraktiv macht) und fahre los Richtung Narvik. Schade um die Tipps von Anna. Das heißt aber auch, dass ich das Nordkap wahrscheinlich früher als geplant erreichen werde. Ajo, es scheint, als würden die Norweger, genauso wie die Schweden, US-amerikanische Autos lieben.

Auf der Fahrt sehe ich schwarze, glänzende, glatte Felsen, Busse mit Gepäckskästen hinten dran inkl. Ladebordwand, die Straße schlängelt sich zwischen den Hügeln immer wieder auf und ab, wieder zum Wasser hinunter, gemütliche Bauernhöfe, das einzigartige Farbenspiel des skandinavischen Herbsts, das Wechseln von Licht und Sonne mit dem Schatten der Wolken und Berge, sattgrüne Wiesen, weiße und rote Häuser, Birkenwälder (i werd narrisch!), Wiesenblumen mit dem gleich Rot wie die Häuser und Bauernhöfe, Wasserfälle, die direkt neben der Straße heruntergehen und unter ebendieser verschwinden, kurzum wunderschöne Straßenzüge auf der E6 Richtung Norden, die sich sanft in die umgebene Landschaft einfügt. Rechts ein in einem Aufwind kreisendes Adler-Pärchen, das die Regenpause für die Futtersuche nutzt. Schnee auf den Berggipfeln, Busse und Lastwägen kommen mir auf der engen Straße sehr nahe, es ist windig und kalt draußen. Soundtrack: Matt Corby – Stones and Walls

Ich komme um Dreiviertel Sieben am Campingplatz am Kobbvatn (nach Fauske) an. Die letzte Person vor mir hat vor 6 Tagen eingecheckt. Es kommen Erinnerungen an Psycho hoch. Bei vier Hütten brennt Licht. Und es gibt noch ein anderes Wohnmobil am Platz. Ok, ich hab kein Wohnmobil, nur einen Camper, aber das ist ja fast das gleiche. Der alte Norweger in der Rezeption spricht kein Englisch, aber wir verständigen uns schon. Anschließend ist Fotografieren am Strand zur blauen Stunde angesagt. Mit Haube und Handschuhen.

p.s. Bitte seid nicht böse, dass es hier noch keine Fotos gibt, in Ermangelung eines ordentlichen Internets wird das noch ein wenig dauern.

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