Bardu – Tromsø – Storslett

28. September 2014

Diese Nacht im Camper war besser als die bisherigen, anscheinend gewöhne ich mich an das Schlafen in der Kälte auf einer „Notpritsche“… 😉 Es ist wolkig mit ein wenig Sonne zwischendurch, kalt, aber freundlich. Ölstand und Kühlerflüssigkeit sind in Ordnung, hab gleich noch das Scheibenwaschmittel aufgefüllt.

Zwei Stunden Fahrt später bin ich in Tromsø, dem „Paris des Nordens“ und mit 65.000 Einwohnern größte Stadt nördlich des Polarkreises. Mein erster Stopp ist bei der Eismeerkathedrale im östlichen Teil der Stadt. Die Form der Kirche ist aufgetürmten Eisschollen nachempfunden. Heute ist Sonntag. In der Kirche feiert die lokale Baptisten-Gemeinde gerade die Taufe mehrerer Kinder und Erntedank. Und ich werde auf einen Kaffee eingeladen, das ist mir in Österreich als Fremder auch noch nie passiert. Der mit vielen gemütlichen Bänken und Couchtischen ausgestattete Raum für die Feier befindet sich quasi direkt in der Kirche, wenn die mobile Trennwand so wie jetzt geöffnet ist. Die niedrigen Bänke in der Kirche sind übrigens mit hellem Leder bezogen. Einige der Kirchgänger sind in samischer Tracht unterwegs, manche auch in anderer, wie zum Beispiel einem ganz weißen Loden- oder Samt-ähnlichen Stoff mit vielen Stickereien. Zahlen muss ich nichts, ich dürfte mir sogar etwas von dem gesegneten Gemüse mitnehmen, das so schön dekoriert auf den Couchtischen steht, also lasse ich eine kleine Spende da. Beim Fjellheisen (Seilbahn auf den Hausberg) sind sehr viele Wanderer und Bergläufer unterwegs. Sonntagsruhe kennen sie wohl auch nicht, denn einer der Anrainer ist brav beim Holzschneiden. Ich genieße die Aussicht und mache anschließend nach kurzer Fahrt auf die westliche Stadtseite einen kleinen Rundgang im Zentrum. Dort gibt es das Polaria-Museum (ebenfalls coole „Packeis-Schollen“-Architektur), eine nette Einkaufsstraße, das Nordnorsk-Museum (kleine, aber tolle Gemäldesammlung zum Polarkreis und dem Nordkap) und ein niedliches Deli-Geschäft: Das Helmersen Delikatesser ist das einzige nette Imbisslokal, das sonntags in Tromsø offen hat. Dafür gibt’s heiße Karfiolcremesuppe mit gerösteten Mandeln und ein italienisches Sandwich, der Typ hinter der Budel ist nämlich aus Triest und hält mich für einen Schweden. Hab ich da wohl ein paar Vokabeln durcheinander gebracht? 😉

Weitere dreieinhalb Stunden später, der Roadtrip-Kilometerzähler zeigt 2.156 km an, sehe ich dann in der Abenddämmerung bei Storslett meinen ersten Elch in freier Wildbahn! 🙂 Ganz langsam und behäbig geht er über eine große Wiese zwischen zwei Häusern auf die Straße zu. Hinter mit kommt leider ein Auto, also kann ich nicht anhalten um ein Foto zu machen, also müsst ihr es mir einfach glauben! 😉 Ehrfürchtig ob der großen Masse des Tiers bleibe ich beim nächsten Parkplatz für die Nacht stehen, damit mir nicht noch einer auf der Straße begegnet. Die Fahrt heute war in der bisher genialsten Landschaft dieser Reise bis jetzt. Von Tromsø zurück am Balsfjorden entlang ziehen sich gigantische Berge hinauf, ich komme dem Schnee immer näher, zuvor fahre ich ab Bardu über eine wunderschöne Hochebene mit vielen Fjellbirken, von der Sonne göttlich beleuchtet, die Berge sehen aus wie aus dem Modelleisenbahn-Baukasten. Bei der Ausfahrt aus Tromsø, auf der E8 zurück nach Nordkjosbotn, dann auf der E6 weiter wird die Landschaft immer genialer, ich fahre rechts am Lyngenfjorden entlang auf dem Nordlysvegen (brauch ich glaub ich nicht übersetzen ;), der Blick scheint unendlich weit, immer wieder sind Schäfchen zu sehen, auf der Weide, ja sogar im lichten Birkenwald auf der linken Seite der Straße, und am Himmel als Wolken… 😉 Imposante Berge, die direkt in den Fjord münden, weshalb die Straße oft durch Tunnel hindurch führt. Überhaupt ist die Straße hier sehr gut ausgebaut, oft dreispurig (erst zwei Spuren in die eine Richtung zum Überholen, dann in die andere Richtung, mit einem ziemlich breiten Grünstreifen dazwischen. Später geben die Wolken eine Ahnung darauf, wie die Nordlichter hier heroben aussehen könnten. Irgendwo in der Gegend nach Nordkjosbotn hat es dann angefangen, dass die Straßenschilder zweisprachig sind, hier fängt also das Siedlungsgebiet der Volksgruppe der Sámi („Samen“, umgangssprachlich, veraltet und als herabsetzend empfunden „Lappen“) an.

Später am Abend werfe ich einen Blick aus meinem Camper am Parkplatz bei Storslett und traue meinen Augen nicht. Das werden doch nicht Nordlichter da am Himmel sein? Oder doch nur Wolken, die von der Stadt angeleuchtet werden? Ah, welche Stadt denn in der Nähe? Oder der Vollmond? Nein, vor ein paar Tagen war doch erst Neumond, also doch: meine ersten Nordlichter! 🙂 Also, Kamera herausgefasst (zum Glück schon fertig für den Einsatz eingestellt, die Akkus herausgenommen und angewärmt) und los geht’s. Tatsächlich sehe ich wunderschöne Nordlichter am Himmel, es treibt mir die Freudentränen in die Augen und die Gänsehaut unter meine vier Lagen Gewand. Es ist trotzdem sehr kalt, beim nächsten Mal werde ich wohl das besser Gewand nehmen, die Trekkinghose ist halt doch ein wenig dünn. Zum Glück wird das Bier, das ich mir zur Feier des Tages und zur Überbrückung der Wartezeit zwischen den Nordlichtern mitgenommen hab, bei diesen Temperaturen nicht warm! 😉

Bardu - Tromsø - Storslett

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.