Kobbvatn – Hamarøy – Bognes – Narvik – Bardu

27. September 2014

Wieder eine unruhige Nacht! Wenn ich es mir so recht überlege, bin ich aber doch halbwegs ausgeschlafen. Frühstück gibt’s im Bus, aber halt ohne Kaffee oder Tee, denn bei diesem Sturm ist an im-Freien-den-Gaskocher-Anwerfen nicht zu denken. Der Eindruck des Campingplatzes von gestern verstärkt sich bei Tageslicht. Ich bin hier wohl schon ganz tief drinnen in der Einöde. Waschräume und Küche, sofern man beides überhaupt so nennen kann, sind de facto Holzverschläge, einzelne Fenster, die nicht (mehr) unbedingt notwendig sind, wurden einfach mit zusammengewürfelten Styroporteilen abgedichtet. Offene Regale, an denen Geschirr unterschiedlicher Service steht (na aber immerhin), Spüle, Kocher, Mini-Backofen, alles extra aufgestellt, also keine „Einbaugeräte“, aber irgendwie schaut das ganze dann Summa Summarum schon wieder niedlich aus. Der alte Norweger sitzt wieder genauso wie gestern Abend am Tisch, liest irgendeine Zeitung, der Fernseher läuft (gestern Fernsehserie, heute Frühstücksfernsehen), ich verabschiede mich auf Norwegisch, muss es aber zwei Mal sagen, dass er mich hört, er winkt mir freundlich zu.

Ich verlasse den Campingplatz Kobbvatn bei Graupelschauer, was folgt ist eine wunderschöne Bergpassage, vom Eis glatt geschliffene Riesen-Felsen, glänzend vom Regen und von edlem dunkelgrauen, fast schwarzem, Farbton, viele kleine Seen links und rechts der Straße, die Gischt der Lastwägen spritzt auf meine Windschutzscheibe, der Wind ist manchmal sogar so stark, dass die eigene Gischt beim Durchfahren von Wasserlacken hochspritzt. Das Oberflächenwasser des vielen Regen kommt überall aus dem Waldboden, unzählige Wasserfälle sind neben der Straße und auf den Bergen zu sehen, schon die ersten umgefahrenen Schneestangen (obwohl sie ja noch gar nicht lange stehen), kleinere Äste liegen auf der Straße, lokale Überflutungen. Beim Bremsen läuft das Wasser vom Dach des Campers die Windschutzscheibe hinunter, die Straße sieht fast aus wie der Waldboden, so viele Blätter liegen hier plötzlich, nur, dass das dünne Gras dazwischen fehlt. Die ersten umgeknickten Bäume liegen neben der Straße und nach der nächsten Kurve auch schon einer quer über die Straße. Es bleibt aber eine Passage von 2,5 bis 3 Metern frei, damit ich durchfahren kann. Der Sturm wird heftiger, alles was ich jetzt nicht brauchen kann, ist ein Baum am Auto.

Im Hotel-Café Hamarøy (im gleichnamigen Ort 😉 gibt’s eine Kaffepause mit gratis WLAN und Schoko-Croissant. Den gegenwärtigen Besuchern nach zu schließen ist das Café hier der Treffpunkt des Seniorenvereins, aber es gibt eine Tanzbar und ein Solarium im Keller… 😉 Danach geht es weiter, die Blätter fallen jetzt teilweise dicht wie Schneeflocken zu Boden, so viele wirft der Wind von den Bäumen, es wird finsterer und beginnt wieder stärker zu regnen, plötzlich scheint es vormittags, schon Abend zu sein, so dunkel ist es.

Bei der Fähre in Bognes komme ich eine Viertelstunde zu spät an, jetzt heißt es zwei Stunden warten. Wegen seitlichen Regens ist die Hose vom Fahrplanlesen im Freien nass und ich verbringe die Wartezeit mit Standheizung auf der Liege. Bin schon sehr froh, dass die mir von paulcamper.com einen Campingbus mit Standheizung empfohlen haben! 🙂 Bei dem Sturm (und Durchschütteln des Campers) ist halt leider nicht an ein Mittagsschläfchen zu denken. Aber der Parkplatz füllt sich langsam und dann kommt auch schon die Fähre an. Der Typ, der die Fahrkarten verkauft hat auch keinen einfachen Job, muss jetzt bei waagrechtem Regen dastehen. Durch das offene Fenster ist jetzt die Konsole und die Windschutzscheibe (von innen) nass.

Pünktliche Ankunft in Skarberget, es geht weiter Richtung Narvik. Viele verfallene Häuser stehen an dieser Strecke. Narvik ist quasi ein Straßendorf, zwar mit 18.500 Einwohnern, aber es spielt sich fast alles nur auf einer Hauptstraße, der Kongens Gate, ab. Es gibt hier sowohl alte als auch neue Häuser, ein Jugendstiltheater, ein Kriegsmuseum (ab Narvik beginnt sich sehr viel um den Zweiten Weltkrieg zu drehen), viele Restaurants mit „fremder“ Küche und alle Mistkübel, die nicht angeschnallt sind, liegen bei dem Sturm kreuz und quer herum. Vermutlich gab es schon bessere Zeiten für die Methodisten, deren Kirchengebäude umfunktioniert wurde. Die Misjonskirke ist da besser dran, steht sie doch, von einem schönen Park umgeben, mitten im Holzvillenviertel.

Nach Narvik komme ich an einer gigantischen Brückenbaustelle vorbei, hier wird die Brücke über den Ofotfjorden gebaut, ein paar Pfeiler stehen schon am Ufer und die Sockel für die Brückenkabel werden grad in den Fels auf der anderen Seite der Straße betoniert. Hier komme ich dann auch Schweden am nächsten während meiner Reise, auf der E10 rechts geht’s direkt nach Lulea, Luftlinie bis zur Grenze vielleicht 20 km. Übernachtet wird am Campingplatz in Bardu.

Eine Woche bin ich nun unterwegs und schon so weit gekommen. Wenn ich das Nordkap erreicht hab, dann ist mein „Ziel“ erfüllt und der Rest ist dann „nur noch“ die „Kür“ – aber wie heißt es so schön: der Weg soll ja anscheinend das wahre Ziel sein. Komisch ist das Alleine-Reisen schon irgendwie, heute hab ich mir schon selbst zugeprostet. Hoffentlich geht das nicht so weiter… 😉 Die Campingplatz-Rezeption ist arg, großes Schiebefenster, dahinter der Schreibtisch mit dem großen Campingplatz-Gästebuch und den vielen Spalten für die einzelnen Daten jedes Gasts, am anderen Ende des Raums ein riesiger Flachbildschirm und eine große Eckbank mit Couchtisch, diese Seite des Raums schaut wie ein Wohnzimmer aus. Auf der Couch liegen eine junge, wie eine Inuit aussehende Frau (die Frau des 60-jährigen Rezeptionisten?) unter einer warmen Decke und ein Kind, welches im nächsten Moment aufspringt, um dem Alten über die Schulter zu schauen, wie er mit feinsäuberlicher Schrift meine Daten niederschreibt. Heute ist mir auch wieder aufgefallen, dass die Norweger, wie auch die Schweden, schon sehr auf die USA stehen, es gibt Lokale, die wie Saloons aussehen, viele amerikanische Autos fahren herum (Pontiacs, Buicks, Chevrolets und diese klobigen Pickups) und die Holzhäuser haben plötzlich neben dem klassischen Stil so einen amerikanischen ich-werde-beim-ersten-Hurrican-umgeweht-Touch. Ok, damit sollte ich keine Witze machen. Rundherum ist alles karg, möglicherweise wohnen hier einfache Leute, die nicht viel Geld haben, so wie hier stell ich mir den „mittleren Westen“ der USA vor: hohe Waffenquote, schrullige Leute, vielleicht ein wenig fremdenfeindlich, das ist zwar nur eine Vermutung, bisher waren alle sehr nett zu mir, bis auf den einen LKW-Fahrer, der mich trotz frühzeitigen Blinkens beim Ausfahren auf einen Parkplatz an der E6 im Vorbeifahren angehupt hat, weil ich vielleicht aus seiner Sicht etwas zu stark abgebremst hab, was aber aufgrund der Winzigkeit des Parkplatzes notwendig war. Oh, da seh ich, dass in dem norwegischen Einrichtungsmagazin, das ich mir in Ustaoset gekauft hab, auch viele köstliche Herbstrezepte drin sind – spontane Freude, und auch ein bisserl Hunger, kommen auf! 🙂

Soundtrack des Tages (läuft eine Zeitlang in Endlosschleife): Daft Punk – Touch (feat. Paul Williams)
Kobbvatn - Hamarøy - Bognes - Narvik - Bardu

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