Nordkap: Knivskjellodden und Hornvika

1. Oktober 2014

Gestern Abend hat sich die komische Stimmung dann doch etwas gelegt. SO GEIL, ich bin echt am Nordkap! 🙂 Das hätte ich mir vor ein paar Wochen nicht gedacht, dass ich das echt durchziehe, und dass es tatsächlich klappt, dann krieg ich plötzlich einen Camper und nicht mal zwei Wochen später sitze ich jetzt tatsächlich hier oben, am Ende der Welt. Die Ankunft gestern war ja von gemischten Gefühlen durchsetzt und ich hab mich an den Künstler (Ich hab leider den Namen vergessen!) erinnert, zu dessen Vortrag Simone Sandra und mich damals ins Innsbrucker Stellwerk mitgenommen hat (vielen Dank nochmals an dieser Stelle dafür!) – „No-Where / Now-Here“ hieß eine seiner Aktionen, bei der er sich zum Ziel gesetzt hat, wegen der vorangegangen Reisen, bei denen er eigentlich immer nur „no-where“ gewesen ist, mal für eine bestimmte Zeit (ich weiß nicht mehr, wie viele Tage es waren), einfach an einem Ort zu bleiben („now-here“), und sich nicht mehr als einige (hundert) Meter zu entfernen. Deswegen auch ein wenig meine gestrige Entscheidung: „dann bleib ich halt erst mal hier“ (auf der Insel Magerøya). Ein Spruch ist mir auch noch eingefallen, den ich letztens auf Twitter gelesen hab:

Ich wache um 6:30 auf, schaue aus dem Fenster, und denke mir: wie geil ist das denn, blauer Himmel! Das heißt, es wird bald einen genialen Sonnenaufgang am Nordkap geben! 🙂 Also raus aus den Federn… 😉 Der Hurtigruten-Bus ist zwar schon da, aber ich kann schließlich ein Spring-Selfie mit Sonnenaufgang bei der Weltkugel machen, diese Chance bekomm ich so schnell nicht wieder. Gesagt getan, es klappt tatsächlich! 🙂 Später dann Frühstück im Bus und Versuch des Kaffeekochens. Bei diesen Temperaturen und diesem Wind funktioniert das allerdings leider nicht. Also gehe ich rein und kaufe Pablo, dem netten spanischen Kellner mir slowakischer Freundin Romana, die auch hier in der Küche arbeitet, Kaffee für die Befüllung meiner Iso-Kanne für die Wanderung zum Knivskjellodden, dem wirklich nördlichsten Punkt Europas, ab. Pablo erzählt mir über die Arbeit hier heroben, über die Hurtigsten-Touristen und lädt mich fürs Frühstück morgen ein (ich soll aber nix sagen ;).

Wenig später sind die Sachen zusammengepackt und ich mache mich auf zum Knivskjellodden. Das Wetter bleibt super, ich mache viele Fotos und brauche fast eine Ewigkeit für die 9 Kilometer Wegstrecke. Das Streiflicht ist großartig hier und in der Sonne ist es auch schön warm. Der felsige Weg ist aber beschwerlich und ich muss ständig den Pfad suchen. So gut wie in Österreich sind die Wanderwege hier nicht markiert. Die Brandung am Nordkap-Felsen ist ganz schön laut, die ist sogar bis hierher hörbar. Zwischendurch gibt’s auf der Hochebene, bevor der Weg zum Meer hinunterführt, viele Quarze, weiß leuchtend, in der Wiese liegend, teilweise sogar als „Signal“-Steine in die Wegmarkierungs-„Türme“ eingebaut. Am „Ende der Welt“ mache ich viele Fotos und wieder eine Selfie-Session mit dem Funkauslöser. Jetzt geht er ja wieder, nachdem er mich morgens bei der Kälte nach einigen Minuten im Stich gelassen hat (die Batterien lieben halt keine tiefen Temperaturen). Doch ich kann die Zeit dort nicht unendlich genießen, ziehen doch Wolken auf und es sieht nach Regen aus. Der Rückweg ist nochmals beschwerlich, der Pfad ist zwar besser zu finden, als auf dem Hinweg, aber dennoch verlaufe ich mich oft. Ich glaub ich hab mich überhaupt noch nie bei einer Wanderung so oft verlaufen wie heute. Ist aber auch „recht einfach“, wenn es so viel zu sehen gibt, dann kann ich ja nicht immer so gut auf den Weg aufpassen… 😉 Die ersten Kilometer mache ich im Laufschritt so gut es geht, schließlich will ich jetzt nur noch zurück und vielleicht bei Pablo noch einen Tee in der Nordkapphallen trinken. Aber als es bergauf geht ist es vorbei mit dem Laufen. Der steinige Weg ist anstrengend und ich werde immer müder. Am Parkplatz begegne ich einem einheimischen Waidmann, der heute Krähen jagen geht.

Wieder zurück am Nordkap ist es leider zu spät für Tee & Co, die Nordkapphallen hat bereits zu. Ich koche Nudeln mit Paradeiser-Sauce mit dem im Camper eingebauten Gaskocher, danach geht’s mir besser, das wärmt Magen und Hirn… 😉 Rasten und Reisetagebuchschreiben, bloggen und journi-Posts online stellen ist angesagt. Außerdem denke ich mir, dass ich wieder öfter längere Wanderungen unternehmen sollte, damit ich wieder so lange Anstrengungen gewöhnt bin. Beim Radeln ist das anscheinend eine andere Art von Anstrengung.

2. Oktober 2014

Die Nacht war sehr stürmisch, in der Früh werde ich aber vom Licht geweckt, abermals kündigt sich ein grenzgenialer Sonnenaufgang an. Ich gehe zu Pablos versprochenem Frühstück, welches mich tatsächlich erwartet, nachdem die Hurtigruten-Touristen in ihrem Bus zum Schiff verschwunden sind. Dann unterhalte ich mich sehr lange mit Channa, der holländischen Souvenirshop-Mitarbeiterin, welche mir empfiehlt, zum Hornvika-Felsen zu wandern. Das ist die alte Anlegestelle am Nordkap, welche in Betrieb war, bevor es eine Straßenverbindung hierher gegeben hat.

Die Hornvika-Anlegestelle ist ein sehr schöner, angenehm ruhiger und besinnlicher Ort. Den Weg dorthin hab ich wieder nicht gleich gefunden, dann aber von der anderen Felsseite gut gesehen – verdammt! 😉 Am Steg mache ich wieder Selfies und verbringe dann etwas Zeit mit Musik im Ohr (Ane Brun) im windgeschützten Bereich hinter der Hütte am Steg. Als der Regen kommt mache ich mich auf den Weg zurück zum Nordkap. Tourenhose und Ski-Jacke sind nach dem stürmischen Regen komplett nass, also muss ich erst einmal zum Trocknen in den Bus, später zur Jause ins Café der Nordkapphallen. Und da taucht auch Channa wieder auf, sie hat sich schon Sorgen gemacht, dass sie mir die Wanderung bei diesem Scheißwetter empfohlen hat… 😉 Ich darf mich in den Personalduschen frisch machen und wir verbringen den Abend mit Diskussionen über allerlei Lebensfragen. Hätt ich mir nie gedacht, dass das auf englisch auch so gut funktioniert! 🙂

Nach diesem Tag, und Channas Frage, was ich morgen mache, denke ich mir, dass es jetzt wohl an der Zeit ist, das Nordkap wieder zu verlassen. Ich war wegen der ausgelassenen Lofoten zwei Tage vor meinen Zeitplan hier und hab einen Tag verlängert, also kann ich jetzt auch guten Gewissens und mit einem Lächeln im Gesicht wieder abhauen vom „Ende der Welt.“ 🙂 Da ich das Kino mit der angeblich unglaublich riesigen Leinwand ausgelassen habe, empfiehlt mir Channa, den Film doch wenigstens auf Youtube anzusehen.

Unglaubliche Szenen spielen sich draußen am Parkplatz grad ab, der Wind pfeift unaufhörlich, es ist sternklar und die Nordlichter sind so grandios wie nie zuvor auf dieser Reise sichtbar, sie sind über den gesamten Himmel verstreut, einmal hier, einmal da, dann dort ein „Pfeil“, der hinabschießt, dann ein riesiges schleierhaftes Band, das sich von Osten vom Horizont an bis ganz nach Westen zieht, und in weitem Bogen den höchsten Punkt des Himmels mitnimmt.

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