Skáidi – Nordkap

30. September 2014

Ok, es war gut, dass ich zusätzlich den Hüttenschlafsack mitgenommen hab. Heute Nacht bei dieser Eiseskälte hab ich ihn schon gebraucht. Und ich bin auch froh, dass der Camper an dieser exponierten Stelle direkt an der Küste und zwischen den zwei Hügeln (war ja eine richtige „Düse“) bei dem stetigen auflandigen Wind stehen geblieben ist (das war der Test für das Nordkap, wie sich noch herausstellen wird ;). Beim langsamen Aufwachen lasse ich den gestrigen Tag Revue passieren und bin erstaunt, wie viel ich schon erlebt habe. Es kommt mir vor, als wäre ich schon Wochen unterwegs, Ok, genau genommen ist es die zweite Woche. Ja, aber „erst“ die Zweite! 🙂 Ich lese den FAZ-Artikel über die „Ersatzreligion Liebe“ (danke an Magdalena für den Tipp), welcher ganz interessante Überlegungen enthält, insgesamt aber schon sehr extrem und traurig ist. Der Autor tut mir irgendwie leid… 😉 Blick hinaus aufs Meer, die Wellen haben Schaumkronen und die Wolken bewegen sind fast ebenso schnell über den Himmel wie die Wellen über das Wasser. Selten sehe ich eine Möwe oder Krähe ihre Kreise ziehen. Bei diesem Wetter bleiben sogar die Vögel in ihren Verstecken. Weit hinten sind wieder Bergspitzen mit Schnee sichtbar.

Weiter geht’s. Es wird vor Rentieren auf der Brücke und im Tunnel gewarnt! Vor den neueren Tunneln ist deshalb ein Weidegatter im Boden, das beim Überfahren, selbst mit 80 km/h, einen höllischen Lärm macht. Neben der Straße sehe ich riesige Gestelle zum Trocknen des Klippfisk, des Kabeljau als Stockfisch, alte verfallene Fischfabriksgebäude aus Holz, dessen Piere sich fast schon zerlegen und ins Meer zu fallen drohen.

Tanken und Kaffeepause in Skáidi, wobei ersteres ein wenig kompliziert ist. Die erste Zapfsäule, die ich probiere geht gar nicht, das Schild entziffere ich mit „nur mit Karte“, ok weiter zur nächsten, die geht erst auch nicht, dann entziffere ich das Schild mit „Karte oder beim Personal entsperren lassen“, plötzlich geht sie, vermutlich hat mich jemand von drinnen gesehen und das Knöpfchen gedrückt. Das Zapfen geht aber nur zaghaft, nach jedem viertel Liter wird gestoppt. Etwas genervt gebe ich auf, gehe zahlen und werde gebeten, doch an eine andere Zapfsäule auszuweichen. Ok, da funktioniert es dann, das Tanken. Dieser Tankstelle ist wieder eine Cafeteria angeschlossen, so wie gestern in Burfjord. In zwei Punkten unterscheidet sie sich aber von jener gestern: a) es gibt viel mehr Speisenauswahl, auch bereits vorbereitete Sachen in den Vitrinen und b) es ist niemand da. Komische Kombination! 😉 Außerdem ist dieser Tankstelle ein großer „Greißler“ angeschlossen, welcher aussieht wie der „Steinbatz“ in Seebarn am Wagram (wo ich lang gewohnt hab). Hier gibts unter anderem Kaffee aus dem Automaten (aber viel besser als bei uns der Automatenkaffee), Kebab tiefgekühlt, Motorradhelme, Lego-Maxerl, Campingnahrung in eingeschweißten Säcken, Fischerausrüstung, das ist nur eine kleine Auswahl, aber anscheinend alles, was man hier oben halt so braucht.

Der letzte Streckenabschnitt vor dem Nordkap liegt vor mir, mein Soundtrack ist „The Cinematic Orchestra“ mit „Evolution“. Manche Hauseinfahrten sind hier mit orangenen Signalbojen markiert, die hoch oben an den Bäumen hängen. Dazwischen sind immer wieder Häuser zu verkaufen. Nach Russenes wird es wieder deutlich touristischer, ständig sind links und rechts der Straße irgendwelche Kioske, die ihre Waren anpreisen: Stockfisch, Rentier-Produkte, Sámi-Handarbeiten, Museen über dieses und jenes, doch die Touri-Zeit ist vorbei, alles ist geschlossen, verlassen und verbarrikadiert. Das Wetter wechselt im 10-Minuten-Takt, erst sonnig-windstill, ich höre sogar die Vögel zwitschern, dann Nieselregen, Verdunklung und Starkregen, teil Graupelschauer, dann wieder Ruhe. Die Felsen neben der Straße aus Schiefer, deren Platten so „schön“ aufgeschichtet, dass sie entweder modelliert sein könnten oder es hat hier jemand vor langer Zeit „Trolle“ gebaut, die mit den Jahrhunderten verwachsen sind. Es läuft „Everyday“ im Radio, eine ganz eigene Stimmung herrscht hier. Der Wind am Meer zeichnet mit seinen unberechenbaren Böen kreisrunde, sind in scheinbar beliebige Richtungen ausdehnende Kreisel, auf die Wasseroberfläche. Dies Schiefer-Felsen haben unterschiedliche Farben, Abstufungen von hellgrau-weiß, über mittelgrau, bis hin zu Anthrazit. Manchmal ist ein schwarzes Band im sonst hellen Gestein sichtbar, das sich über hunderte Meter durch die Felswand zieht. Es ist hier schon alles ein wenig größer!

„Tritt zurück, und schau dir deine Situation (dein(e) Problem(e)) von einem Schritt weiter weg an, um es im ganzen Kontext zu sehen“

fällt mir da ein. Am nächsten Rastplatz steht auf einer Wand der Plumpsklos

„If you are going through hell, keep going!“

Ein Zitat, welches Winston S. Churchill zugeschrieben wird. Also bei ist es nicht so extrem, aber das Zitat gefällt mir trotzdem gut.

Am Rastplatz sehe ich die Grazer mit ihrem Fiat-Wohnmobil (Grüße an meine Mama an dieser Stelle, ich glaub das ist das gleiche, das du hast) wieder, vermutlich das letzte Mal, denn sie fahren wieder gen Süden. Sie haben kurz die Geschwindigkeit verringert – sind dann aber trotzdem weiter gefahren, ohne auf den Rastplatz abzubiegen. Die anderen Botschaften am Klo (neben jener von Churchill): allerlei amüsantes, und es gibt sogar Leute, die von Frankreich mit dem Radl hierher und dann noch aufs Nordkap fahren.

Der Tunnel nach Nordmannset ist, so wie auch der Nordkaptunnel, durch Portale verschließbar. Das wird im strengen Winter benötigt, damit nicht zu viel Schnee im Tunnel landet. Beim Nordkaptunnel, welcher das Festland mit der Insel Magerøya verbindet, wird sogar vor Nebel im Tunnel gewarnt, führt er doch am tiefsten Punkt 212 m unter dem Meeresniveau hindurch. Beim Hinauffahren auf die Nordkap-Insel scheint die Straße eine unendliche Steigung anzunehmen, beim Blick in die Tunnelröhre berührt die Deckenbeleuchtung „andauernd“ die Mittellinie der Straße. Schnurgerade führt der Tunnel unter dem Meer hindurch, nur am Anfang und am Ende sind kleinere Kurven eingebaut. Der Nordmannset-Tunnel hat sogar ein automatisches Portal, welches sich bei Annäherung automatisch öffnet, jetzt natürlich deaktiviert, da noch keine Winter-Witterung herrscht.

Auf Magerøya angekommen wieder einmal Wetterumschwung. Es schüttet aus Schaffeln, aber es ist hell, also vermute ich, dass der Regen nicht von langer Dauer sein wird. Rechts ist jetzt die Barentssee und es stehen riesige Frachter im Meer. Honningsvåg und die anderen Ortschaften lasse ich seitlich vorbeiziehen und erreiche um 14:30 das Nordkap.

Ich steige aus, mache einen kleinen Rundgang, zuerst in das Nordkap-Gebäude „Nordkapphallen“ hinein, dann hindurch, der Stahl-Weltkugel auf dem Betonsockel entgegen, sehe mich um, stelle mich an die Mittelsäule der Weltkugel, der Wind pfeift mir um die Ohren, mich fast um, der Regen peitscht mir ins Gesicht und ich denke mir: auch nicht anders als anderswo. Ja, richtig gelesen. Klingt komisch, aber ist so. Da wollte ich unbedingt das Nordkap erreichen und dann so etwas! Der Weg vorher, die Erlebnisse hierher, waren irgendwie interessanter, gefühlvoller, lehrreicher, als dieser unwirtliche Ort selbst. Eine weitere Erfahrung in diese Richtung hab ich heute schon mal gemacht: je näher ich dem Nordkap gekommen bin, umso langsamer bin ich gefahren, umso öfter hab ich einen Fotostopp, eine Pause eingelegt. Es ist halt doch alles irgendwie sehr schnell gegangen.

Ich verbringe ein paar Stunden hier heroben, sende Klaus, der in etwa drei bis fünf Jahren zu Fuß von Bergen hierher gehen möchte (!), einen Gruß vom Ende der Welt, spiele mit dem Gedanken, hier zu übernachten, mache mich aber dann doch auf die Suche nach einem windstilleren Platz. Nix zu finden, also denke ich mir: na gut, dann bleib ich halt erst mal hier.

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