Skarsvåg – Honningsvåg – Lakselv – Karasjok – Inari

3. Oktober 2014

Die Sonne scheint mir zum Abschied vom Nordkap. Ich verlasse das Ende der Welt und fahre zum nächstgelegenen Ort, Skarsvåg. Auf dem Weg herunter sehe ich erst, wie viele winzige Stauseen und ergo wie viele Stromleitungen hier sind. Skarsvåg ist niedlich klein, hier gibt’s ein Weihnachtshaus (Servus, ist das kitschig!), viele Wohnhäuser, eine kleine Fischfabrik inkl. Hafen und Fischerboote. Auf der Hafenmauer tummeln sich die Möwen und dementsprechend sieht es dort auch aus: Milliarden Schalenreste von Seeigeln, Krabben, Schnecken, Muscheln, Krebsen und sogar Fischgräten liegen hier herum. Der Wind ist schwach und es ist sogar ein bisschen warm in der Sonne… 😉 Dann fahre ich nochmals nach Honningsvåg zum Kaffeetrinken und finde das nette Kaffe Retro. Es wird von einer Russin aus Riga geführt, die traditionelle Speisen aus ihrer Heimat kocht und backt, weil sie hier keinen anderen Job bekommen hat und die Norweger ihrer Meinung nach das Kochen und Backen eh nicht ordentlich können. Watruschka heißt das Gebäck aus Rosinen und Frischkäse, das ich probiere und für gut befinde! Sie legt Elvis-Musik auf und im Sommer kann sie sich vor lauter Touristen nicht erwehren, sie stehen teilweise in einer Schlange bis auf die Straße hinaus. Als ich gehe winkt sie mir sehr nett zu und wünscht „Safe Travel!“ Von Norden kommend ist übrigens die Start- und Landebahn des Flughafen Honningsvåg sehr gut zu sehen, und die ist kurz und knackig! 🙂

Auf dem Weg nach Süden verlasse ich die Insel Magerøya, fahre zurück nach Russenes, woher ich gekommen bin, und weiter Richtung Lakselv. Neben der Straße sehe ich Rentiere mit riesigem Geweih, das Wasser der Barentssee glitzert im Porsangerfjorden, welcher selbst schon wie ein Meer aussieht, es ist jetzt fast windstill, die ganz leichte Brandung am Strand macht ein schönes, entspanntes Geräusch, wie von einer Meditations-Kassette… 😉 Auf der Unterseite der Brücke reflektiert sich das Sonnenlicht von den Wellen, jetzt sehe ich zum ersten Mal Fischfarmen, an deren Trockengestellen auch wirklich Klippfisch hängt. Ungefähr 35 Kilometer nach Honningsvåg beginnen wieder die ersten Sträucher und kleinere Bäume zu wachsen, welche ihr Laub heute in einer unbeschreiblichen Farbenpracht präsentieren. Die Luft ist glasklar und von absolut reinem Duft. (Ok, das hört sich extrem geschwollen an, das geb‘ ich schon zu, aber es hat wirklich so gerochen! 😉

Soundtrack: Edward Sharpe and the Magnetic Zeros – Life is Hard

Einige Kilometer vor Russenes gibt es auch wieder die ersten Fjellbirkenwälder. Putzige „Achtung“-Straßenschilder warnen hier vor einem Eltern- mit einem Kind-Schaf. Später sehe ich tatsächlich einen kleinen Teil einer Schafherde, eines der Schafe, mit ziemlich dickem Fell, schaut zwischen dem „Zaun“ hervor, welcher nur aus den Zaunpfosten besteht. Apropos Zäune: auf der Fahrt hierher gab es wieder so einige Gatter gegen Schneeverwehungen, allerdings waren diese hier nicht so gigantisch, wie die auf der Fahrt nordwärts. Dort waren sie ja stellenweise hunderte Meter lang und sicher drei oder vier Meter hoch. Vor Stabbursnes hat der Porsangerfjord einen wunderschönen Uferbereich mit unzähligen kleinen Felsen, und auf jedem dieser Felsen sitzen während meiner Vorbeifahrt gleich mehrere Möwen in der Sonne. Kurz danach, und somit noch vor Lakselv mache ich einen Spaziergang im Stabbursnes naturreservat. Ein in den Porsangerfjord abfließender Gletscher hat hier eine herausragende Landschaft voll von Wäldern, Dünen, Sträuchern und Stränden hinterlassen (Fotos auf journi anschauen!).

In Lakselv wird lediglich eingekauft und getankt und schon geht es weiter Richtung Karasjok. Nach Lakselv liegt unglaublich viel Mist neben der Straße, Plastiksackerl hängen in den Bäumen, ich fahre einen breiten, aber seichten Fluss mit vielen kleinen Inseln entlang. Hier gibt es wieder einmal viele Schießstände. Bald ist die Vegetation nicht mehr so karg. Es gibt jetzt neben Birken auch noch Kiefern und anderen kleine Laubbäume, die aber schon das meiste Laub verloren haben. Wenn der Wind in die Bäume fährt, fallen die Blätter in derartigen Massen zu Boden, dass es aussieht, als würde es schneien. Es ist wolkenlos, bis auf hohe Schleierwolken, das heißt wir haben Nordlichtwetter! 🙂 Am Seeufer rechts neben der Straße steht ein Wasserflugzeug. Kurz vor Karasjok überhole ich einen Quad-Fahrer, welcher ohne Helm mit seinem Gefährt unterwegs ist, er hat lediglich eine Pelzmütze auf. Abermals fällt mir auf, dass in Norwegen oft die Strommasten zugleich die Masten für die Straßenlaternen sind bzw. umgekehrt.

In Karasjok angekommen irre ich ein wenig herum, weil der Campingplatz in meinem Womo-Führer falsch eingezeichnet ist, lande aber dann schließlich doch dort. Südlich der Ortschaft gibt es einige mit schönem weißen Lattenzaun begrenzte Grundstücke, auf denen aber ein Haus steht, ja auf einem davon befindet sich sogar noch ein relativ dichter Wald. Auch auf diesem Campingplatz hier wird umgebaut, das dürfte wohl normal sein zu dieser Zeit. Im Fluss unten bei der alten Kirche stehe wieder ein Wasserflugzeug. Heute gönne ich mir mal was und gehe ins örtliche Hotelrestaurant „Gammen“ essen, da gibt’s Sámi-Küche mit „Finnebiff“ (Rentiergeschnetzeltes mit Gemüse und Erdäpfelpüree) und ein köstliches Dessert mit Moltebeerenkompott. Alles zusammen mit einem Glaserl Bier für 62 Euro, ja das ist Norwegen! 🙁 Aber köstlich war’s und ich hab noch ein sehr interessantes Gespräch mit einem Handelsvertreter aus der Nähe von Oslo gehabt, der mit dem Auto und einem Anhänger voll seiner Produkte (er hat mir nicht gesagt, was er verkauft, und ich hab auch nicht gefragt) hier herauf gefahren ist und dann über die Ostküste wieder gen Süden fährt. Glücklich ist er, weil er schon fast alles verkauft hat.

4. Oktober 2014

Es ist Wochenende, also hat das Sametinget, das von Stein Halvorsen entworfene Gebäude des sämischen Landtages in Norwegen, leider geschlossen. Ich kann es mir nur von außen ansehen, auch hier wirkt der Holzbau sehr modern und fortschrittlich. Es handelt sich um eine kreissegmentförmige Konstruktion, welche im Zentrum einen Plenumssaal in Form eines Zeltes hat. Auch das Sámi-Museum hat zu und ich schau mir deshalb die traditionellen samischen Bauten im Freiluftteil des Museums an, in dem soeben ein Fotoshooting stattfindet. Später wird noch im Sápmi Park eingekauft (letztes Mal in Norwegen für diesen Trip) und ein Teil der Mehrwertsteuer beim Tax Refund Office zurückgeholt.

Ich überfahre die Grenze, stoppe direkt danach für eine Kaffeepause und erkenne wenig später: das in Norwegen waren gar keine unendlich wirkenden Weiten, die sind nämlich hier in Finnland. Die Straße verläuft teilweise schnürlgerade über kleine Hügel, links und rechts Fjellbirken, eingezäunt wegen der Rentierzucht, Gatter gegen Schneeverwehungen (viele kaputt und zerfallen). Überall sehe ich einen sandigen Boden, welcher wirkt, als würde er nur aus Sanddünen bestehen, die über die Jahrhunderte von einer sehr dünnen Erdschicht bedeckt worden sind (so wie gestern am Porsangerfjord). Es liegen Steinhäufchen herum, einzelne Steine und kleinere Felsen und viele Kiefern säumen die Strecke.

Der Wald lichtet sich, dahinter tauchen die ersten Seen auf, zuerst nur sehr kleine, mit einer kleinen Insel, so winzig, dass nur eine Mini-Birke darauf Platz findet, dann immer größer, meist nur wenige Meter unter Straßennivenau, hinter jedem zweiten Hügel, fast hinter jeder Kurve ein neuer See, mit niedrigem, braunen Schilfgras am Ufer, dahinter gleich der Kiefern- und Birkenwald aufstehend. Einzelne kleinere Felsen liegen im Wald und auf den Lichtungen, manche würden sich auch schon zum Bouldern eignen. Die Entfernungsangaben stehen auf schmucklosen Tafeln parallel zur Straße, es sind in die eine Richtung 45 und in die andere 94 bis zur nächsten Siedlung. Einzelne Sträucher mischen sich durch das „Bäumepaar.“ Sehr selten sehe ich ein Auto, hier auf der 96 ist und fährt außer mir fast niemand. Auf der E75 sieht das schon ein wenig anders aus, mir kommt sogar ein Bus entgegen, der aus Oulu (!) kommt.

In Inari angekommen fahre ich ein wenig im Ort herum, um ihn zu erkunden. Auch hier hat das Sámi-Museum „Siida“, wie in Karasjok gestern, geschlossen. Am Campingplatz steht das Wasserflugzeug der Besitzer am Ufer und eine Armada an Schneemobilen. Eine Sauna gibt es auch, die kostet allerdings extra und deshalb werde ich sie erst morgen nach meiner Wanderung ausprobieren. Der Reiseplan für die Rückreise steht jetzt übrigens schon etwas genauer. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge blicke ich darauf und denke mir: wirklich eine schöne Reise… 🙂

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