Hiidenkirnut: No-Where / Now-Here

8. Oktober 2014

Foto: Julian Bialowas (via Irina Malenko)

Ich bin jetzt über 24 Stunden am selben Ort. Ja, richtig gelesen. So wie der Künstler Nikolaus Gansterer (Ja, ich hab den Namen gefunden, Foursquare-Checkin-Historie und Google-Suche sei Dank!), über den ich vor einigen Tagen geschrieben habe, als ich am Nordkap angekommen bin. Wahnsinn, das ist jetzt auch schon wieder über eine Woche her! Aber alles von Anfang an.

Kalt war’s diese Nacht im Wald. Aber auch schön, einsam und ruhig. Es ist leicht bewölkt und die Sonne geht langsam auf, doch sie kann trotz Anstrengung nicht ganz durch die Wolken dringen. Der noch junge Tag macht einen freundlichen Eindruck auf mich. Ich schaue mir die Sonne an, wie sie auf „ihrer Bahn vorbeizieht“ (Jaja, ich weiß, heliozentrisch und so!) und denke nur, wow, die ist ja doch eigentlich ganz schön schnell. Hier mit den Bäumen kann ich die Bewegung über den Himmel sehr gut verfolgen und ich erinnere mich an eine Passage des Achtsamkeits-Buchs in in etwa folgendes steht: Dem Universum bist du egal, es dreht sich nicht um dich, es dreht sich auch weiter, wenn es dir schlecht geht und dreht sich genauso, wenn es dir gut geht.

Es ist noch immer kalt draußen, ich kann meinen Atem sehen, aber es ist wirklich sehr angenehm hier im Wald, es weht ein fast nicht wahrnehmbarer Wind, der die Baumspitzen sich leicht hin- und herwanken lässt. Eine Gruppe von kleinen Vögeln fliegt hastig von Baum zu Baum und sie zwitschern wild dabei. Die Sonne bewegt sich langsam weiter, strengt sich sichtlich an (beziehungsweise stelle ich es mir vor), immer höher zu steigen, doch zu dieser Jahreszeit geht eben nicht mehr, als das bisher erreichte. Die Stämme der Birken leuchten neben und zwischen den Kiefern richtig hervor und deren Blätter, so sie noch welche haben, leuchten goldgelb in der schwachen Sonne.

Ich reflektiere über den bisherigen Verlauf meiner Reise, was ich schon alles erlebt habe, wie mein Plan aussieht und welche Strecken noch vor mir liegen und entscheide, hier zu bleiben. Diesmal aber richtig, nach dem Muster von Gansterer, und mich nicht weiter als hundert Meter vom Auto weg zu bewegen. Und das Handy bleibt für diese Zeit ausgeschaltet, das heißt im Flugmodus (alle Funkverbindungen sind aus, somit auch das Musikstreaming zur Bluetooth-Box). Heute höre ich also auch keine Musik.

Sehr, sehr vieles ist mir heute durch den Kopf gegangen, aber ich will euch gar nicht mit diesem ganzen Zeug langweilen. Gestern Abend hab ich noch das Hirnwichserei-Buch beendet (Wow, das ist gut!) und dann das Achtsamkeits-Buch begonnen, welches ich heute Abend fertig gelesen hab (Ebenfalls super!). Da fällt mir auf, dass ich noch nie ein Buch innerhalb von 24 Stunden beendet hab! 🙂 Wenn ich vorhin vom Einsamsein geschrieben hab, dann stimmt das nicht ganz. Über den Tag verteilt sind doch relativ viele Leute hier gewesen. Da war zuerst dieses alte Touristenpärchen, die waren sehr lang da, ich hatte schon ein wenig Angst, dass einer der beiden irgendwo reingefallen ist und ich zur Rettung eilen muss. Noch ein Auto, zieht eine Runde über den Parkplatz, ich denk schon, „Servus und Tschüss“ und dann bleibt es doch stehen. Es steigt eine Frau aus, allein, so um die 40, schaut sich auch die Gletschermühle an und verschwindet rasch wieder. Ich räume den Camper zusammen, bereite mir einen Tee zu und dann kommt wieder ein Auto, bleibt direkt neben mir stehen, fast am Weg zur Gletschermühle. Es steigt ein schlanker Mann in seinen 50ern aus, grüßt mich freundlich und spricht mich sofort an. Er war schon mal hier, damals im Winter, jetzt will er sich das mal im Herbst ansehen, und macht bei fast jedem zweiten Schritt ein Foto mit seinem iPhone. Nachmittags setze ich mich für einen kleinen Happen an den hölzernen Jausentisch, mache ein Feuer, um mich ein wenig aufzuwärmen und grille einen Bratapfel am Spieß. Wieder kommen Besucher. Zuerst zwei Frauen mit Signalweste und orangenem Drehlicht am Autodach, die sehen wohl nach dem Rechten hier, denk ich mir. Später ein dicker Typ mit weißer Jacke, welcher Fotos mit seiner auf dem Rücksitz mitfahrenden Spiegelreflexkamera macht und ein junges Pärchen, er trägt Arbeitskleidung und führt einen Hund an der Leine in der einen Hand, sie in der anderen Hand.

Im Achtsamkeits-Buch hab ich zwei schöne Sätze gelesen, die mir bei der Ruhe hier im Wald in den Sinn kommen:

Ernsthafte Situationen verlangen nach Stille.

Wer schweigen will, der muss hören können.

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