Vaasa – Seinäjoki – Tampere – Helsinki

11. Oktober 2014

Eine große Wegstrecke liegt heute vor mir: die fast 400 km von meinem Schlafplatz an der Raststation in der Pampa über Vaasa und Seinäjoki nach Tampere.

Vaasa ist eine ausgesprochen schöne Stadt, großzügig-feudal, rechtwinkelig angelegt und ist von früher her und heute immer noch eine schwedische Enklave in Finnland. Dass hier mehr auf Schwedisch als auf Finnisch angeschrieben ist verwundert also nicht. Es gibt viele alte Backsteinbauten, die Stadt voller Bäume und Alleen, wacht aber bei meinem Besuch gerade erst auf – viele Einwohner sind noch nicht zu sehen. Ich genehmige mir ein schnelles Frühstück im Café Commerce, drehe eine kleine Runde durch das Zentrum zurück zu meinem Parkplatz und mache mich dann wieder auf den Weg.

Wunderschöne Kirche von Alvar Aalto in Seinäjoki, ein Architektur-Juwel. Beachtet die Lampenschirme, solltet ihr sie auch mal besuchen! Gleich neben der Kirche, oder besser gesagt einmal über die Straße, steht das Rathaus von Seinäjoki, ebenfalls von Alvar Aalto designed. Auch hier wieder sehr coole Lampenschirme. Mittagessen in der Tapas-Bar Cafe Olé nicht der Rede wert, aber es gibt gratis Internet! 😉

Nach einer nachmittäglichen Kaffeepause erreiche ich am späten Nachmittag Tampere, drehe eine ganz schnelle Runde durch die Altstadt mit ihren imposanten alten Backstein-Industriebauten (Papierindustrie?) und bin abends am Stadtrand bei Anna und Markus eingeladen. Ich hab die beiden auf der Hochzeit von Enisa und Serkan in Istanbul kennengelernt und vor meiner Reise den Kontakt aufgefrischt. Die beiden haben mich sehr herzlich empfangen und wir haben gemeinsam mit ihren Kindern zu Abend gegessen (dreigängig! 🙂 und noch ein wenig mit den kleinen gespielt. Danke für diesen ausgesprochen netten Aufenthalt bei euch!

Zum Übernachten wähle ich auf Anraten von Markus den Pyynikki. Auf dem Hausberg von Tampere ist es relativ ruhig und man hat es auch nicht weit zu Fuß in das Zentrum. Ich drehe eine Runde durch das Nachtleben und merke im Vorbeigehen, dass Mirel Wagner heute in Tampere spielt, also bin ich gleich im Telakka geblieben, einem sehr netten kleinen Livemusik-Club in einem uralten Kontor mit niedrigen alten Holzdecken. An der Bar lerne ich Jesse, seine alte Freundin Lotta und deren neuen Freund kennen, tratsche mit den dreien, genießen gemeinsam das Konzert und ziehen dann noch in einen schrägen Club weiter, in dem ich Finnlands Nationalschnaps, den Salmiakki kosten darf.

12. Oktober 2014

Morgendlicher Spaziergang am Pyynikki und anschließend Kaffee und die angeblich weltbesten Munkki mit Aussicht auf den umgebenden Wald in der 1929 erbauten Cafeteria inkl. Blick über die Stadt vom Aussichtsturm aus. Wie gestern Abend sind auch heute am Sonntagmorgen wieder viele Spaziergänger, Läufer und Nordic Walker hier heroben. Das Café macht erst um 9 auf, dennoch sind schon einige hier um sich ihre Sonntagsration Munkki abzuholen, so wie der alte Opa auf der Terrasse, der schon seit einer halben Stunde dasitzt und auf das Öffnen der Türe wartet. Das herbstlich-feuchte Ambiente schreckt hier keinen ab, aus dem Bett zu kriechen.

Ich fahre weiter in den Stadtteil Kaleva, der für seine „Plattenbauten“ aus den 1950er-Jahren berühmt ist – und für die Kaleva-Kirche, das Wahrzeichen des Viertels, die außen und innen von den finnischen Architekten Reima und Raili Pietilä gestaltet wurde. Die Kirche und der umgebende Park sind sehr, sehr cool. Aus der Ferne sieht das Gebäude gar nicht aus wie eine Kirche. Als ich hingehe läuten die Glocken, bzw. ertönt das sehr rudimentäre Glockenspiel (eher ein monotones Glockenschlagen). Die frontale Rundung in der Architektur der Kirche mit dessen Haupteingang fungiert richtig als Verstärker der Schallwellen vom Glocken-„Turm“, dem auf den monolithischen Block aufgesetzten kleinen Kasten. Drinnen findet gerade eine Messe mit sehr wenigen Leuten statt, inkl. Chor. Die gebäudehohen Fenster sind unglaublich cool, bei fast jedem Fenster steht eine große Pflanze, die Bänke haben einen sehr modernen Schnitt. Der Kirchenraum ist im obersten Geschoß, was den Vorteil hat, dass man während der Messe von draußen nichts wahrnimmt, außen den Bäumen des Parks, denn selbst Spaziergänger sind durch das erhöhte Blickniveau ausgeblendet. Erinnert mich irgendwie an die Villa Tugendhat in Brünn, nur viel größer natürlich.

Autobahn ganz klassisch nach Helsinki. Kurze Kaffeepause vor der Einfahrt in die Stadt. Große Stadt, Metropole, eine riesen Umstellung nach der vielen Landschaft der vergangenen Wochen: viele Straßen, viel Verkehr, alles groß gebaut. Einchecken ins Hostel. Mein Locker geht nicht auf, der Rezeptionist muss also mit dem Generalschlüssel kommen. Drinnen finden sich die persönlichen Sachen des Vornutzers, inkl. georgischem Reisepass. Der kommt wohl nicht weit. Ich räume auf, tausche Land- gegen Stadt-Kleidung, esse eine Kleinigkeit und mache mich mit der Straßenbahn auf in das Zentrum. Extrem viele Leute sind auf den Straßen und in den Cafés und Restaurants unterwegs, nahezu alle Geschäfte haben geöffnet. Von hoher Arbeitslosigkeit, so wie gestern in Tampere von Jesse berichtet, ist hier nichts wahrzunehmen, die Menschen gehen shoppen und konsumieren eifrig. Die Café-Empfehlungen des Rezeptionisten finde ich nicht, also frage ich mich kurzerhand durch und eine junge Dame im Park an der Esplanade empfiehlt mir eine schöne klassische Bäckerei inkl. Kaffeehaus, das Café Esplanade. Angenehm: es gibt WLAN zum Bloggen und es reicht, wenn du für mehrere Stunden nur einen Kaffee trinkst. Extrem „crowdy“, sehr hip, und die Backwaren sind riesig groß!

Etwas später am Abend finde ich ein perfektes Bar-Beisl zum Reisetagebuchschreiben und Sightseeing planen: Café Bar 9 im trendigen Designdistrikt. Mit der traditionellen Naantali (Lachssuppe, schaut aus wie Lohikeitto) zum Abendessen. Ich schreibe mir die Sightseeing-Todo-Liste für Helsinki zusammen und komme drauf, dass ich den tollen Strömlingsmarkt auf dem Marktplatz leider versäumt habe, der war nämlich nur bis gestern.

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